Als kürzlich die Stuttgarter Tatort-Folge Der rote Schatten ausgestrahlt wurde, brach ein wenig Aufregung los. Dominik Graf hatte eine Fiktion auf den Relikten von Realgeschichte entworfen, es ging im Film auch um die "Nacht von Stammheim", also die Tode der RAF-Terroristen Ensslin, Baader und Raspe im Herbst 1977.

Der Film spielte drei Varianten bildlich durch: den Mord, den Selbstmord und den Selbstmord im Wissen des Staates. Zuerst aber war Der rote Schatten eine Meditation darüber, was Vergangenheit mit dem Heute zu tun haben kann. Was uns alte Bilder noch sagen, wozu wir sie haben, was passiert, wenn wir sie anschauen.

Die dreiteilige schwedische Serie Der vierte Mann von 2014 (Regie: Kristian Petri, Drehbuch: Sara Heldt, Johan Widerberg), die Arte nun zeigt, macht etwas Ähnliches, wenn auch nicht so kunstvoll, so bildersinnig wie der Tatort. Sie nimmt sich einen Ausschnitt Realgeschichte – die RAF-Geiselnahme in der deutschen Botschaft in Stockholm vom 24. April 1975 –, und bastelt darum einen Krimi, der die Aufklärer bis in die Gegenwart beschäftigt.

Zum tatsächlichen Überfall auf die Botschaft erfindet die Serie vier schwedische RAF-Unterstützer hinzu. Einer von ihnen, ein verbeamteter Kauz namens Ohlsson (Sven Ahlström), wird zu Beginn der Handlung im Jahr 1989 tot aufgefunden. Den Mord zu klären, bedeutet zurückzuschauen ins Jahr 1975. Aufgeklärt wird das Verbrechen erst im Stockholm von heute, 2014.

Zwischen diesen drei Ebenen wird allmählich sichtbar, wie alles miteinander zusammenhängt. Dass etwa Ohlsson einer der vier fiktiven Unterstützer von damals war und dass der Mord an ihm etwas mit diesem Damals zu tun haben muss. Wer der titelgebende "vierte Mann" ist, bleibt lange Zeit das Rätsel, das die Spannung hochhält.

Denn eigentlich ist der Krimi nur ein Vorwand, so wie die Geiselnahme nur als Aufreger dient, an den die Betrachterin mentalitätsgeschichtlich andocken kann. Es braucht das reale Verbrechen inklusive der damaligen Fernsehbilder, um einen leicht erinnerbaren Marker zu setzen, von dem aus erzählt werden kann.

Es geht in Der vierte Mann nämlich nicht um die RAF oder wie es wirklich war, sondern um Zeit, um das Vergehen von Zeit und was das mit den Menschen macht. Eine andere Zeit, ein anderes Leben heißt der Roman von Leif GW Persson, der der filmischen Fiktion zugrunde liegt. Die Serie verfolgt die Biografien von vier Menschen durch die Jahrzehnte, die Wege, die Leben nehmen können, die ihren Ausgangspunkt in einer übertriebenen Analyse politischer Verhältnisse haben.