ZEIT ONLINE: Wie war Ihre Reaktion, als Sie zum ersten Mal von den NSU-Morden aus den Nachrichten erfahren haben?

Fatih Akin: Ich hatte von den Morden vorher schon gelesen, die gingen ja als sogenannte "Döner-Morde" durch die Presse. Aber es gab immer nur vage Mutmaßungen. Alle Betroffenen sollten etwas mit Drogen zu tun gehabt haben, aber man fand keine wirklichen Motive. Die Form von Mafia, wie sie beispielsweise im Spiegel beschrieben wurde, klang für mich damals schon ziemlich seltsam. Am Ende waren es gar nicht die Türken selbst, wie es Ermittler und Medien immer behauptet haben, sondern Nazis. Da wurde ich richtig sauer!

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie sich dazu entschieden, von den NSU-Morden fiktionalisiert zu erzählen?

Akin: Ich wollte keinen Dokumentarfilm machen. Außerdem ist die reale Geschichte noch nicht beendet, der NSU-Prozess läuft noch. Man weiß nicht, wie er ausgeht, und kennt noch nicht alle Hintergründe. In meinem Film geht es zum Beispiel überhaupt nicht darum, welche Rolle der Verfassungsschutz spielte. Hätte ich die reale Geschichte erzählt, wäre dieses Thema unumgänglich gewesen. Ich wollte mich in diesem Film hingegen gezielt auf eine Opferangehörige konzentrieren. Aus dem Nichts versteht sich auch nicht unbedingt als politischer Film. Vielmehr ging es mir um die Stufen des Schmerzes, die eine Opferangehörige durchlebt: wie sich dieser Schmerz zunächst in Ohnmacht, dann in Wut und schließlich wieder in Gewalt verwandelt. Bei dem Anschlag kürzlich in Las Vegas gab es 52 Opfer. Aber alle wollen nur wissen: Wer ist der Täter? Von den Opfern und Hinterbliebenen erfährt man kaum etwas. Deshalb wollte ich ihnen meinen Film widmen.

ZEIT ONLINE: Sehen Sie das Kino in der Verantwortung, ein solches Manko in der öffentlichen Wahrnehmung auszugleichen?

Akin: Der Spielfilm ist eine ganz andere Sportart als Nachrichtensendungen oder Dokumentarfilme. Zwar suche ich als Filmemacher Themen und Momente, die man so noch nicht auf der Leinwand gesehen hat, dennoch bedienen sich fiktive Geschichten immer aus der Realität. Denn wer ist kreativer als die Realität?

Kino - »Aus dem Nichts« (Trailer) © Foto: Warner Brothers

ZEIT ONLINE: Suchen Sie eher nach einem emotionalen als nach einem analytischen Zugang zum Thema?

Akin: Dieser Film erforscht nicht, warum so etwas passiert, aber er analysiert den Umgang mit dem Schmerz und wie aus Gewalt Gegengewalt entsteht. Außerdem zeigt er, wie der Rechtsstaat in einem solchen Gerichtsprozess, wie ich ihn ein paar Mal besucht habe, mit einem Minimum an Gefühl an eine hochemotionale Angelegenheit herangeht. Das ist ja womöglich auch richtig so, aber für die Betroffenen sieht das eben ganz anders aus. Der Film will gezielt die emotionale Seite zeigen, die im Gerichtsverfahren außen vor bleibt.

ZEIT ONLINE: Wie bestimmt man die emotionale Dosis, die man dem Publikum zumuten will?

Akin: Es ging mir nie darum, beim Zuschauer gezielt bestimmte Gefühle zu wecken. Aber wir wollten in der Darstellung des Schmerzes so präzise wie möglich sein. Und das fiel mir nicht schwer, weil ich selbst Vater von zwei Kindern bin. Ein Kind zu verlieren ist nun einmal für Eltern die schlimmste aller Vorstellungen. Und dann muss man das auch genau so darstellen. Dennoch galt bei aller Emotionalität auch immer die erzählerische Regel, dass jede Szene die Handlung weiterbringen soll und nicht zum Selbstzweck werden durfte.