So viel Leidenschaft schon vor dem Start des russischen Films Mathilde! Es ging um Verschwörungen und dunkle Machenschaften, nachdem die Duma-Abgeordnete Natalija Poklonskaja im Frühjahr zum Verbot des Filmes aufgerufen hatte, obwohl sie ihn noch gar nicht gesehen hatte. Ihr Aufruf führte nicht nur zu einem Molotowcocktail-Angriff auf das Büro des Regisseurs Alexej Utschitel und zu ernsthaften Befürchtungen um die Sicherheit in den Kinos, er verhalf dem Film auch dazu, in Russland zum "meist erwarteten Kinoereignis des Jahres" aufzusteigen, obwohl es um eine uralte Geschichte ging, die Affäre des letzten Zaren Nikolaus II. mit einer Balletttänzerin. Und dann das: Utschitels historische Romanze enttäuschte beim Kinostart in Russland Gegner wie Befürworter gleichermaßen.

Nicht nur, dass – Gott sei Dank – weitere Attentate unterblieben und sich die angekündigten Proteste zum Kinostart sehr in Grenzen hielten, mit einem Einspielergebnis am ersten Wochenende von knapp 230 Millionen Rubel (etwa 3,38 Millionen Euro) schaffte der Film es nur auf Platz zwei der Kinorangliste. Platz eins, eine russische Fantasy-Komödie, spielte mit 450 Millionen Rubel fast das Doppelte ein. Zurückhaltend bis harsch fielen auch die russischen Kritiken aus. Man habe den Film ja lieben wollen, so deren Tenor, schließlich galt es, die Freiheit der Kunst zu verteidigen, aber leider macht es Mathilde seinen Fürsprechern schwer. So brav und zarenfreundlich ist der Film geraten, dass nun erst recht niemand mehr versteht, was denn bitteschön Frau Poklonskaja gegen den Film hat.

Nach einer Einstiegsszene, die Nikolaus II. (Lars Eidinger) bei seiner Krönung 1894 ohnmächtig umfallen lässt, als ihm eine zarte Stimme von den Rängen "Nicky!" zuruft, führt die Handlung zurück ins Jahr 1888. Damals war Nikolaus noch nicht Zar, sondern lediglich Thronfolger und besuchte das Mariinski-Ballett in Petersburg. Auf der Bühne kommt es zu einer Wardrobe Malfunction mit Nippel-Entblößung, der Thronfolger scheint tief beeindruckt. Die Tänzerin Mathilde Kschessinskaja ist jedoch keine Unschuld, sondern hat es auf ihn abgesehen. Bald schon jagen die beiden jungen Menschen sich neckisch über die Parkettflure des Palastes, bewerfen sich zärtlich mit samtenen Kissen und liegen von der Liebe erschöpft unter Hermelin-Fellen. Sie könnten so glücklich sein, gäbe es da nicht die strenge Mama (Ingeborga Dapkūnaitė), die ihren Nicky an seine Pflicht gemahnt, den Geheimdienst, der in Mathilde eine Spionin vermutet, und Alix (Luise Wolfram), Nikolaus' Verlobte aus Deutschland, die obskure Kräfte um Hilfe angeht. Als wären das nicht schon Feinde genug, lässt Utschitel auch noch einen düster blickenden Verehrer auftreten, der für einen Kuss Mathildes bereit ist, den Thronfolger zu ermorden.

Kino - »Mathilde« (Trailer) © Foto: Kinostar

Einerseits passiert nicht viel – Nicky liebt Mathilde, Mathilde liebt Nicky –, andererseits überstürzen sich die Ereignisse. Züge entgleisen, Villen werden verschenkt, Attentäter gefoltert und Pirouetten gedreht. Dann stirbt Nickys Vater und der Sohn muss sich seiner Bestimmung fügen, Alix heiraten und sich krönen lassen.

Was der Handlung an Spannung fehlt, versucht Utschitel mit aufgehübschten Originalkulissen, aufwändigen Kostümen und der Inszenierung einzelner Momente wettzumachen, die der Zuschauer als "überwältigend" erleben soll. Das Ergebnis ist ein nahezu hysterischer Film, der alles zugleich sein will, romantische Liebesgeschichte, stimmungsvolles Sittengemälde und düster-tragische Andeutung der Katastrophen des 20. Jahrhunderts, darüber aber in einer Art nach Luft schnappender Ohnmacht endet.