Wenn es darum geht, für eine Ausweitung seiner Mediathek zu kämpfen, wird auch der sonst so brave ZDF-Intendant ungehalten – so wie an diesem Abend im Roten Rathaus von Berlin. "Ich finde die ganze Diskussion nicht ehrlich", poltert Thomas Bellut in einer Runde, die sich mit der Zukunft der öffentlich-rechtlichen Sender beschäftigt und damit auch mit ihren digitalen Aktivitäten. "Keine Ahnung, ob es 10, 20 oder 30 Jahre dauert", sagt der Senderchef, "aber irgendwann wird die Ausstrahlung im Netz wichtiger sein als im Fernsehen." Deshalb gelte es, da zu sein.

Bellut lobbyiert mit seinen Kollegen von ARD und Deutschlandradio für großzügigere Verfallsdaten von Beiträgen und Sendungen. Im Kern wollen sie die Sieben-Tage-Regel loswerden. Die erlaubt den Sendern nur, "Sendungen ihrer Programme auf Abruf bis zu sieben Tage nach deren Ausstrahlung" anzubieten – und das auch nur, wenn die Inhalte von den Sendern selbst produziert oder bestellt wurden. Die Ministerpräsidenten haben diese Regel 2009 in den Rundfunkstaatsvertrag geschrieben. Die grundsätzliche Idee: In der digitalen Welt sollen Öffentlich-Rechtliche mit ihrer Präsenz keine privaten Medien erdrücken. Ausgenommen ist nur das Jugendangebot funk: Das darf im Netz alles – sehr zum Ärger der Privatsender.

Die Programm-Macher können zwar über ihre Gremien höhere Verweildauern beantragen. Praktisch heißt das aber: Nachrichten, Wirtschaftsmagazine, Talks, Dokumentationen und Fiktionales verschwinden nach einer Weile wieder aus dem Netz. Im Fachjargon ist von Depublikation die Rede, von der die Gremien nur wenige Sendungen – wie die 20-Uhr-Ausgabe der Tagesschau und einige politische Magazine – verschonen. Produktionen aus dem Ausland wie die BBC-Serie Sherlock dürfen die Sender überhaupt nicht im Netz zeigen: Sogenannte Lizenzware, die von den Sendern nicht bestellt, sondern nur auf dem Markt eingekauft wurde.

Die ARD bietet 200.000 Audio- und Videobeiträge – vorübergehend

Über diesen Zustand echauffieren sich nicht nur Intendanten, sondern vor allem auch die, die den öffentlich-rechtlichen Rundfunk mit ihren Rundfunkbeiträgen finanzieren. "Sie glauben gar nicht, wie viele Zuschriften uns erreichen", berichtet beim Berliner Mediendiskurs im Roten Rathaus Patricia Schlesinger, dieneue Intendantin des RBB. Der Zorn des Publikums erreiche sie etwa, wenn Berliner Zuschauer einen Tatort aus der Bundeshauptstadt schon ein paar Wochen später nicht mehr im Netz finden. "Ich verstehe jeden, der sagt: Das geht so nicht, ich habe das doch bezahlt!"

Auch wenn – wie die Sender auf Anfrage von ZEIT ONLINE mitteilen – in der ARD-Mediathek derzeit etwa 200.000 Audio- und Videobeiträge stehen, beim ZDF 36.000 Videos und auf den Seiten des Deutschlandradios 80.000 Audios: Die Inhalte bleiben Nutzern oft verborgen. Zum einen fehlen praktisch allen Mediatheken ausgeklügelte Suchfunktionen. Außerdem strafen Algorithmen – vor allem von Google – Quellen ab, die ihre Inhalte nicht dauerhaft ins Netz stellen. Und auch bei Wikipedia sind Links auf Quellen verpönt, die nicht verlässlich im Netz bleiben. Öffentlich-Rechtliches ist im Digitalen aber aktuell ein flüchtiges Gut – entgegen allen Nutzergewohnheiten.

Tatsächlich dürfen Beitragszahler und Programmmacher jetzt hoffen: Die Ministerpräsidenten haben beschlossen, die "unnatürlichen Grenzen" für ARD, ZDF und Deutschlandradio zu korrigieren, wie die rheinland-pfälzische Ministerpräsidentin Malu Dreyer (SPD) nach dem jüngsten Treffen in Saarbrücken erklärte. Dreyer sitzt der Rundfunkkommission der Länder vor und kündigte "zeitgemäße" Regeln an.

Kartellwächter untersagten Super-Videotheken

ZDF-Intendant Bellut erklärte prompt, das sei "ein großer Schritt im Interesse des Publikums". In sozialen Netzwerken sprachen Beitragszahler von der "besten Nachricht zum Wochenende" und jubilierten: "Endlich können wir mit den Gebühren eine Wissensdatenbank anlegen, die nicht Google gehört." Das alles klang nach großer Erleichterung und nach einem großen medienpolitischen Wurf.

Doch wer nun von einem allumfassenden freien Zugang zu öffentlich-rechtlichen Inhalten träumt, wird auch künftig enttäuscht werden. Die Regeln sollen lediglich gelockert, aber nicht komplett gestrichen werden. So werden aus den Mediatheken auch in den nächsten Jahren keine Langzeitarchive öffentlich-rechtlicher Inhalte werden. Gleichzeitig können die Sender abgelaufene Inhalte nicht mal gebündelt gegen eine weitere Zahlung anbieten: Kartellwächter untersagten den Sendern bereits 2013 das Projekt "Germany's Gold" – eine Art gemeinsame Super-Videothek für Filme, Serien und Dokumentationen aus 60 Jahren deutscher Fernsehgeschichte.

Den Kartellwächtern wäre die Plattform zu wuchtig gewesen – ein Risiko für den freien Markt. Verstanden hat die Entscheidung damals kaum jemand, immerhin hatten dieselben Kartellwächter davor schon das Projekt "Amazonas" gestoppt: eine Super-Videothek wiederum privater Sender. Es hätte so ein Gegengewicht geben können. Nun verfolgen weder private noch beitragsfinanzierte Sender ihre Projekte weiter.

Möglicherweise bald auch lizensierte Serien online abrufbar

Flüchtige Inhalte. Das ZDF führt auf seiner Mediathek den Unterpunkt "Letzte Chance" – für Sendungen, die nicht mehr lange online verfügbar sein werden. © Screenshot ZDF Mediathek

Die Rundfunkkommission der Länder hat zwar noch keinen exakten Wortlaut parat, doch hinter den Kulissen spricht sich ein wahrscheinliches Szenario herum. Demnach würden Inhalte – außer Mitschnitte von Sportübertragungen – fortan nach 30 Tagen ablaufen. Die Kontrollgremien der Sender könnten diese Frist dann auf Antrag der Programmmacher für einzelne Inhalte noch mal verlängern – so wie bisher. Vor allem könnten Sender aber erstmals auch reine Lizenzproduktionen wie Hochglanzserien ins Netz stellen.Vermutlich geben die Länder das aber nur für Produktionen aus Europa frei. Filme und Serien aus den USA wären weiter ein Tabu für ARD und ZDF.

Die Sender bleiben damit einer schizophrenen Situation ausgesetzt. Einerseits fordert das Publikum, alle Inhalte aus den Fernseh- und Radioprogrammen jederzeit auch im Netz abrufen zu können (Motto: "Haben wir doch bezahlt!"). Andererseits setzt ihnen die Politik, die ja letztlich im Sinne der Öffentlichkeit entscheiden soll, im Digitalen nach wie vor deutliche Grenzen (Prinzip: "Alles geht nun auch wieder nicht!").

Auch Amazon organisiert sich im Privatsenderverband

Das ärgert das Publikum, ist aber wiederum ganz im Sinne anderer Medien. "Der private Markt wird einfach ungleich schwerer, wenn öffentlich-rechtliche Angebote frei im Netz stehen und sich Nutzer dort bei Serien und Filmen scheinbar kostenlos bedienen können. Warum sollten sie dann bei anderen dafür zahlen?", fragt Claus Grewenig, der medienpolitische Sprecher der Mediengruppe RTL-Deutschland. Außerdem steuere das Publikum im Netz Inhalte gezielt an – anders als beim Rumzappen vor dem Fernseher. "Damit jemand die Tagesthemen oder auch ein politisches Magazin abruft, muss ihn kein Sender mit Serien oder Sport locken."

Grewenig ist erst seit Anfang 2017 bei RTL. Davor hatte er den Privatsenderverband VPRT mit geleitet, war also so etwas wie der Cheflobbyist der Branche. Die wandelt sich im Netz gewaltig: In dem Verband ist inzwischen beispielsweise auch Amazon organisiert. Die reinen Onlineplattformen buhlen wie klassische Privatsender und öffentlich-rechtliche Portale ebenso im Netz um Klicks – für Hochglanzserien, aber zunehmend auch für ein klassisches öffentlich-rechtliches Genre: die Dokumentation.

Während das ZDF etwa ZDFinfo zu einer Doku-Fabrik umgebaut hat und darüber auch seine Mediathek flutet, wollen private Anbieter wie Amazon und Netflix auch mit Dokus Abos verkaufen. Gleichzeitig haben N24 und Kabel eins im vergangenen Jahr eigene Doku-Ableger gestartet. Die Mediengruppe RTL-Deutschland betreibt den Bezahlsender Geo – das namensgebende Magazin gehört wie RTL zu Bertelsmann. Sogar Bild beginnt, mit eigenen Videodokus hinter die Bezahlschranke Bild plus zu locken. Da stört öffentlich-rechtliche Konkurrenz – nicht nur mit längeren Texten.

Nur eine "homöopathische Öffnung"

Der Privatsender-Lobbyist Grewenig kämpft deshalb dafür, dass Öffentlich-Rechtliche auch künftig keine Lizenzware ins Netz stellen dürfen – weder Serien noch Filme oder Dokus, weder aus den USA noch aus Europa. Auch eine Lockerung für europäische Stoffe wäre schließlich "ein erster Schritt in die falsche Richtung – auch wenn das natürlich immer noch besser wäre als eine komplette Aufhebung des Verbots".

Und so deutet sich zwar – aus Sicht des Beitragszahlers – tatsächlich ein besseres Angebot in den öffentlich-rechtlichen Mediatheken an. Der große Wurf wird es aber nach wie vor nicht werden, weil die Medienpolitik immer auch andere Anbieter im Blick hat, in diesem Fall RTL, Netflix und andere.

Am Ende dürften die Neuerungen für die Mediatheken vor allem sein, was der Leiter der Berliner Senatskanzlei, der SPD-Medienpolitiker Björn Böhning auf dem Berliner Mediendiskurs formulierte: eine "homöopathische Öffnung" der Spielregeln für die Abruf-Angebote von ARD, ZDF und Deutschlandradio.