Lange Flure, graue Auslegware, fiepende Drucker, gurgelnde Kaffeemaschinen und Topfpflanzen vor Fenstern. Hier im Gesundheitsamt Hannover, Abteilung Veterinärwesen, herrscht behördliche Trostlosigkeit. Im Archiv schlafen die Ordner in Reih und Glied vor sich hin, bis mal ein Mitarbeiter kommt, um einen Aktenvermerk nachzuschlagen. Eng ist es in diesem Archiv und schummrig – ein bisschen sieht es aus wie unter Tage, ein selten betretener Stollen eines riesigen Verwaltungsbergwerks.

Aus dem kommt Judith Lorenz (Ursula Strauss). Verstört und mit einer angestrengt unterdrückten Aufgeregtheit und Anspannung im Gesicht steht sie auf dem Flur, streift Bluse und Rock glatt, klemmt eine Haarsträhne hinters Ohr und verschwindet schnell in ihr Büro. Sekunden später kommt ihr Kollege Volker Lehmann (Hannes Jaenicke) aus dem Archiv. Da liegt es nahe, auf welche Gedanken Judiths Kollegin Andrea (Valerie Niehaus) als stille Beobachterin der Szenerie kommt.

In diesem einen Moment seines Films Meine fremde Freundin lässt der Regisseur Stefan Krohmer Wissen und Ahnungen zu einem explosiven Gemisch zusammenfließen, das die Kraft haben wird, eine Existenz zu zerstören. Es dauert nämlich nicht lange, da wird Lehmann von der Judith Lorenz, die erst kürzlich mit selbstbewussten Scherzen ihren Einstand gegeben hat, wegen Vergewaltigung angezeigt. Geraten dazu hat ihr Andrea, die in Judith eine Freundin sieht und Lehmann als chauvinistischen Bürohengst kennt, der allen Frauen Anzüglichkeiten zu jeder nur erdenklichen Gelegenheit zuwiehert. Ihm traut sie auch eine Vergewaltigung zu.

Obgleich die Ausstrahlung von Krohmers Film mitten in die öffentliche Sexismus-Debatte um Harvey Weinstein, Michael Fallon oder Kevin Spacey fällt, hat der Regisseur doch ganz anderes im Sinn, als sexuelle Übergriffe oder Anspielungen in der Berufswelt vordergründig zu thematisieren. Dass der Sprücheklopfer Lehmann wegen Vergewaltigung angeklagt wird, dient Krohmer nur als Plot, um das Psychogramm einer zutiefst verhaltensgestörten Frau zu entblättern. Judith ist eine notorische Lügnerin; die Psychologie spricht in solchen Fällen von histrionischer Persönlichkeitsstörung.

Narzissmus trifft auf Helfersyndrom

Der Zuschauer weiß zu Beginn des Films so wenig über die neue Kollegin wie Andrea, für die Judith mit ihrer selbstbewussten Art, Offenheit und Schlagfertigkeit eine willkommene Abwechslung im Büroalltag ist. Judith wiederum findet in Andrea die Bewunderin, die sie braucht und ausnutzen kann, um in ihrer Lügenwelt das Zentralgestirn zu sein, um das alle anderen kreisen.

Ganz selbstverständlich streut Judith kleine, geheimnisvolle Anekdoten aus ihrer Vergangenheit in die Gespräche ein, bleibt dabei aber immer im Vagen: "Ich hab so viel durchgemacht im Leben, das kannst du niemand anderem aufbürden", ist so ein Judith-Satz. Einmal ist es eine Krebserkrankung, dann wieder der Verlust ihrer Tochter. Jede Äußerung befeuert Andreas Helfersyndrom. Als Judith ihr in Tränen aufgelöst von der Vergewaltigung im Aktenraum erzählt, steht für Andrea außer Frage, dass ihr die Kollegin die Wahrheit erzählt. Sie ist Judith so sehr verfallen, dass sie nichts mehr hinterfragt. Erste Zweifel an Judiths Verhaltensweisen kommen erst Jahre später auf – Lehmann sitzt da schon längst im Gefängnis. Zu Recht, oder zu Unrecht, dieser Frage lässt Krohmer bis zum Schluss Raum. 

Erst ein Zufall öffnet Andrea die Augen. Es ist nicht so, dass sie das Lügengespinst von Judith nicht gesehen hätte, aber erst dieser banale Zufall macht es ihr unmöglich, es weiter zu ignorieren. Auch Andrea, das macht dieser stille und überaus sachlich erzählte Film deutlich, trägt ihren Teil der Schuld. Sie hat die Aufmerksamkeit, die sich Judith mit ihren Lügen immer aufs Neue zusammengezimmert hat, genau so genossen. Andrea ist glücklich verheiratet, hat zwei Kinder. Aber irgendwie kommt sie sich vor, als wäre sie immer nur im Nebenschauplatz unterwegs. Ihr Glück hat eine Leerstelle, und die hat Judith ausgeleuchtet, indem sie ihre vermeintliche Freundin mit auf die Bühne holte.

Allgemeine Bereitschaft, Dinge einfach zu glauben

Gänzlich unprätentiös führt Krohmer die Ambivalenz menschlicher Charaktere vor Augen. Ursula Strauss und Valerie Niehaus als ungleiches Frauen-Paar sind ausgezeichnet besetzt, und dass der Film seine Geschichte in einer überakkuraten Umgebung ansiedelt, verstärkt noch die Art und Weise seines Erzählens.

Meine fremde Freundin interpretiert Judiths Verhalten aber auch als ein gesamtgesellschaftliches Problem. Andreas Mann Martin formuliert es so: "Was bringt jemanden so zum Lügen? Warum ist das plötzlich so angesagt?" Man möchte an dieser Stelle gerne weitergehen und fragen, ob die Bereitschaft, bereitwillig Dinge zu glauben und sich nicht weiter darüber zu informieren, wirklich zugenommen hat. Auch wenn Zweifel und Misstrauen vorhanden sind. Was die aktuelle Sexismus-Debatte betrifft, fördert der Film doch eine Botschaft zutage: Auch wenn die Empörung über die zahlreichen Missbrauchsvorwürfe groß ist, sollten wir uns nicht zu Pauschalisierungen hinreißen lassen, sondern der Erregung den Platz einräumen, der ihr gebührt: hinter der Vernunft.