Anfang der Achtzigerjahre sah man Kinofilme meist noch auf dem Fernseher. Man studierte die Programmzeitschrift und freute sich montags schon auf den Samstagabend und Sonntagnachmittag, das waren gute Spielfilm-Sendeplätze. Katastrophen-Schocker wie Erdbeben liefen da, Western wie Die vier Söhne der Katie Elder. Oder eben die so biederen wie edlen Agatha-Christie-Krimis aus den Siebzigern. Mord im Orient-Expreß zum Beispiel.

Geschrieben tatsächlich noch mit ß, nicht mit Doppel-s wie jetzt rechtschreibreformkonform das Remake von Kenneth Branagh. Remake ist eigentlich nicht ganz korrekt, handelt es sich doch genau genommen bereits um die fünfte Filmversion von Agatha Christies Roman aus dem Jahr 1934. Aber man erkennt rasch, dass die Verfilmung durch Sidney Lumet von 1974 das große Vorbild für die Neuverfilmung ist.

Am deutlichsten sieht man das an der Starbesetzung. Beide Versionen sind das filmische Äquivalent zur Supergroup, wo bekannte Solisten aus verschiedenen Bands sich zu einer neuen zusammenfinden. Für Lumet traten einst an: Albert Finney als Detektiv Hercule Poirot, dann Lauren Bacall, Martin Balsam, Ingrid Bergman, Michael York, Jacqueline Bisset, Richard Widmark, Sean Connery, John Gielgud, Anthony Perkins. Classy!

Kino - »Mord im Orient Express« (Trailer) © Foto: Twentieth Century Fox

Und heute: Branagh selbst in der Hauptrolle des Meisterdetektivs, dann Penélope Cruz, Willem Dafoe, Judi Dench, Johnny Depp, Derek Jacobi, Michelle Pfeiffer, Daisy Ridley, Lucy Boynton, Olivia Colman. Auch nicht schlecht. Aber nicht ganz so klangvoll. Und obwohl Branagh alles auf den Zug wirft, was das moderne Kino-Instrumentarium an Effekten und digitalen Möglichkeiten bietet, gelingt es ihm nie, diesen Klassenunterschied einzuholen.

Das Drehbuch leistet sich einige Abstecher, hält sich aber wieder eng an Christies Vorlage: Der berühmte belgische Detektiv Hercule Poirot reist in den Dreißigerjahren mit dem Orient-Express von Istanbul nach London. In dem luxuriösen Zug lernt er nach und nach die anderen Passagiere kennen, unter anderem die aufgedrehte Millionärin Caroline Hubbard (Michelle Pfeiffer) und den offensichtlich kriminellen Geschäftsmann Ratchett (Johnny Depp). Am nächsten Morgen liegt der tot in seinem Bett, zwölf Messerstiche in der Brust.

Sonderbar ist, dass die Stiche unterschiedlich tief sind und verschieden kräftig ausgeführt wurden. Obwohl Poirot dringend mal eine Pause bräuchte, kann er sich nicht davon abhalten, diesen Fall enträtseln zu wollen. Zumal der Mörder sich noch an Bord befinden muss, weil der Zug inzwischen in einer Schneewehe feststeckt und freigeschaufelt werden muss. 

Tantiges Eier-Bild

Vorgeschoben ist dem Ganzen noch einen kurzen Prolog in Jerusalem, und schon der gerät Branagh recht tantig. Da nötigt Poirot einen kleinen Jungen, ihm so lange Eier zu bringen, bis beide exakt gleich groß sind. Ein dann doch reichlich plumpes Bild, das sich im Film wiederholt: Poirot kann es nicht ertragen, wenn Krawatten schief hängen oder andere Dinge aus dem Lot geraten sind. Ein Tick, der selbstredend für Poirots Hang steht, auch menschliche Beziehungen sortieren zu müssen und Fehler, gar Verbrechen, nicht akzeptieren zu können.

Wie überhaupt Branagh laufend versucht, die Vorlage existenzialistisch aufzupimpen, mit Verweisen auf den dräuenden Zweiten Weltkrieg und einem Humanismus, den man nicht anders als sentimental nennen kann. Das mündet in einem bühnenreifen Auftritt seines Poirots, der bei der finalen Enthüllung des Tathergangs mit zitterndem Riesenschnauzer und Tränen in den Augen ruft: "Wir müssen besser sein als Ungeheuer! Wir dürfen Mord nicht akzeptieren!"