Eine erstaunliche Frau. Kaum mehr als weiße, papierdünne Haut und Knochen, sitzt Joan Didion in ihrer Wohnung und erzählt von ihrem Leben im Hollywood der Sechziger- und Siebzigerjahre. Die 82-Jährige ist Journalistin, Autorin, Intellektuelle und das wohl ungewöhnlichste It-Girl Amerikas. Der Dokumentarfilm Die Mitte wird nicht halten auf Netflix beleuchtet das Leben und die Abgründe dieser Frau, die sich gerne hinter ihrer riesigen Sonnenbrille versteckt. Didion berichtet von ihrer Karriere als Journalistin bei der Vogue und dem New Yorker, vom Leben mit ihrem Ehemann John Dunne in Kalifornien, von dessen Tod. Und vom Tod der gemeinsamen Tochter.

Der Film erzählt aber auch amerikanische Zeitgeschichte, insbesondere die der Sechziger- und Siebzigerjahre. Der Zuschauer erfährt etwas über die Manson-Morde, über Rassismus und gesellschaftliche Umbrüche. Didion erzählt von den Drogenexzessen unter Schauspielern und Musikern, die in ihrem Haus stattfanden. Einmal habe sie ein fünfjähriges Mädchen gesehen, das auf LSD war. Was das für eine Erfahrung für sie als Journalistin gewesen sei, fragt der Interviewer. Didion überlegt eine Weile, ihr Gesicht deutet Betretenheit an, dann aber sagt sie: "Lass mich dir sagen, es war Gold. Wenn man schreibt, lebt man für solche Momente."

Die Dokumentation über Didion ist nur eine von vielen, die Netflix in letzter Zeit produziert oder eingekauft hat. Da gibt es den Film Banking on Bitcoin, der sich mit dem kontroversen Zahlungsmittel beschäftigt. Oder die Eigenproduktion One of us über drei chassidische Juden, die ihre orthodoxe Gemeinde verlassen wollen – und auf Ausgrenzung und Ablehnung treffen. Die Serie Hot Girls Wanted: Turned onblickt hinter die Kulissen der Pornoindustrie, begleitet verschiedene Protagonistinnen der Szene, etwa Erika Lust, Regisseurin feministischer Pornos, oder ein Camgirl, das sich mit seinem Verehrer trifft.

Netflix greift eine Kernkompetenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an

Allein in den letzten zehn Monaten veröffentlichte der Streaminganbieter mehr als 60 Dokumentarfilme und -serien. Eine Entwicklung, die einem Trend in der Filmbranche folgt: Auf Festivals nehmen Dokumentationen einen immer größeren Stellenwert ein, die Berlinale vergab in diesem Jahr erstmals einen Dokumentarfilmpreis, dotiert mit 50.000 Euro. Wenn die Realität dramatischer ist als die Fiktion, sind die spannenderen Geschichten eher in diesem Genre zu finden, urteilen viele Kritiker und Festivalverantwortliche.

Mit seiner Expansion ins Dokumentarische grenzt sich Netflix nicht nur gegenüber den Streamingportalen der Privatsender oder Konkurrenten wie Amazon ab – dort gibt es im Prime-Angebot zwar ebenfalls viele Dokumentarfilme und -serien, aber nur sechs davon sind Eigenproduktionen –, das Unternehmen greift auch eine Kernkompetenz des öffentlich-rechtlichen Rundfunks an.

Im zahlenmäßigen Vergleich führen die öffentlich-rechtlichen Sender natürlich weit. Allein die ARD strahlte 2016 nach eigenen Angaben 3.524 Dokumentarsendungen aus. Allerdings werden ihre Formate dem Publikum nur in Randzeiten und zeitlich begrenzt verfügbar gemacht. Ein Beispiel ist der viel gelobte Dokumentarfilm Im Strahl der Sonne, den der MDR mitproduzierte. Der Regisseur Vitali Manski begleitet darin über ein Jahr das Leben eines kleinen Mädchens in Nordkorea und macht die strengen Reglementierungen des Regimes zum zentralen Element seines Films. Immer wieder muss das Mädchen die gestellten Szenen wiederholen, weil sie nach Ansicht ihrer beiden ständigen Begleiter nicht glücklich genug aussieht oder nicht weiß, wie sie die Banane essen soll, die sie ihr hingelegt haben. Die ARD zeigte den Film ebenfalls im Oktober 2016 unter dem Titel Inside Nordkorea. In der Mediathek ist er aber längst nicht mehr verfügbar – dafür bei Netflix.