Vor etwa drei Jahren mehrten sich die Petitionsaufrufe, das öffentlich-rechtliche Fernsehen abzuschaffen. Diejenigen, die das forderten, kamen aus dem rechten Spektrum. Seit einiger Zeit teilen aber auch Menschen diese Ansichten, die mir politisch näher stehen: Sogar Filmschaffende selbst verlinken und liken mit einer gewissen Häme auf Facebook-Artikel, die dem System des öffentlich-rechtlichen Rundfunks ein baldiges Ende voraussagen oder seine Abschaffung fordern. Und selbst ich, die ich meine wichtigsten Filme in Zusammenarbeit mit den öffentlich-rechtlichen Sendern gemacht habe, ertappe mich dabei, wie ich auf den Like-Button drücken will und denke: Ja, schafft es ab, wir brauchen eine Erneuerung, es gibt genug neue Partner, dann sollen sie mal sehen.

Das ist falsch. Das öffentlich-rechtliche Fernsehen ist weiterhin der wichtigste Pfeiler in der Spielfilmbranche, wenn es darum geht, riskante Stoffe umzusetzen. Was aber bringt mich dazu, in manchen Momenten diesem System den Untergang zu wünschen? Es ist zum einen die Arroganz mancher Vertreter des öffentlich-rechtlichen Rundfunks, die Geld vergeben mit einer Pose, als sei es ihr eigenes. Auf der anderen Seite der Frust über die Abhängigkeit von uns Filmemachern.

Julia von Heinz, 1976 in Berlin geboren, ist Regisseurin und Gastprofessorin für Spielfilmregie an der HFF München. In ihrer Promotion "Die freundliche Übernahme – Der Einfluss des öffentlich-rechtlichen Fernsehens auf den deutschen Kinofilm" untersuchte sie die Beziehung beider Medien in den letzten 50 Jahren. Ihre Romanverfilmung "Ich bin dann mal weg“ mit Hape Kerkeling war eine der erfolgreichsten Kinoproduktionen 2016. Ihr jüngster Film "Katharina Luther" lief im Februar in der ARD. © HFF München / Robert Pupeter

Dieses Missverhältnis von Macht und Abhängigkeit hat eine jahrzehntealte Geschichte: Als sich in den 1960er Jahren im Zuge der Studentenrevolten auch das Kino erneuerte, schlug Deutschland einen sehr eigenen Weg ein. Während etwa in Frankreich, Italien und den USA Filmstudios, Verleiher und Kinobesitzer an der Seite der Filmemacher standen, stellten sich Verleiher und Kinobesitzer hierzulande gegen die jungen Filmemacher. Stattdessen waren es die Redakteure der Spielfilmabteilungen der öffentlich-rechtlichen Rundfunkanstalten, die gemeinsam mit den Vertretern des Neuen Deutschen Films das Kino erneuerten. Seitdem wurde jede innovative Strömung des deutschen Films vom öffentlich-rechtlichen Rundfunk begleitet und zum Blühen gebracht.

Wenn das von Warner koproduzierte Drama Aus dem Nichts von Fatih Akin 2018 einen Oscar erhält oder eine Nominierung, wäre es der erste Film aus Deutschland, dem diese Ehre widerfährt, der nicht mit Beteiligung des öffentlich-rechtlichen Fernsehen entstanden ist. Alle Filme, die auf A-Festivals laufen, wie Toni Erdmann oder 24 Wochen, sind Koproduktionen mit öffentlich-rechtlichen Sendern. Aber auch der Kassenschlager Fack ju Göhte basiert auf der ARD-Serie Türkisch für Anfänger. Wir Filmemacher haben den Spielfilmredaktionen viel zu verdanken, wir brauchen sie, um Stoffe umzusetzen, die nicht offensichtlich kommerziell sind. Das Wissen darum hat den Redakteuren zu viel Macht verliehen.

Dieses Machtgefüge ist seit einiger Zeit aber ins Wanken geraten. Neue Player sind auf dem Markt erschienen und suchen die Zusammenarbeit mit uns Filmschaffenden. Die Streamingdienste bitten um Stoffvorschläge, alte Abhängigkeiten lösen sich auf. Man kann sich erstmals ernsthaft fragen, ob sich die erprobte Partnerschaft mit den öffentlich-rechtlichen Sendern erübrigt hat.

Ich denke: Nein. Ich denke, Warner hätte Fatih Akins Film nicht finanziert, wenn er der Nachwuchsregisseur gewesen wäre, der 1998 beim ZDF mit Kurz und schmerzlos seinen ersten Stoff vorlegte. Genauso hat Baran bo Odar, der die deutsche Netflix-Serie Dark realisierte, seine ersten Filme mit den Öffentlich-Rechtlichen gemacht. In Gesprächen mit Streamingdiensten und Verleihern fällt immer schnell der Begriff der Zielgruppe. Mal wird ein Stoff gesucht für "technikaffine Männer ab 27", mal für "mysterybegeisterte junge Frauen ab 14". Das macht Spaß und eröffnet mir neue Denkräume. Ich freue mich auf diese neue Art der Zusammenarbeit. Aber noch zweifle ich, ob so Innovation entsteht. Ich glaube nicht daran, Filme von der Auswertung her zu denken.