Zu Beginn wirkte die Idee, den Brandenburger Polizeiruf als deutsch-polnische Kooperation neu aufzulegen, wie eine Idee, die am Redaktionsschreibtisch ersonnen wurde. Wir müssen was fürs Standortmarketing tun oder von Europa erzählen, Brandenburg ist Polen viel näher als München – oder was da alles an Motivationen eine Rolle gespielt haben mag.

Die vierte Folge, Das Beste für mein Kind  (rbb-Redaktion: Daria Moheb Zandi), zeigt nun aber, dass es so etwas wie Normalisierung durch Praxis gibt. Dass der ausgedachte Umstand, sich in ein neues Setting zu begeben, Effekte zeitigen kann. Weil es etwas mit dem Film macht, wenn man auf der polnischen Seite der Oder dreht, wo die Welt anders aussieht als im reicheren Deutschland. Weil Synchronisierung von nicht deutschen Dialogen plötzlich kein Problem mehr ist (wo die deutsche Filmkultur doch keinen Begriff hat von den Reizen der Originalsprache). Weil das anfangs entworfene Rollenbild von Maria Simons Kommissarin Olga Lenski (kommt aus Amerika zurück mit allerlei Erfahrungen im Gepäck) keine Rolle mehr spielt.

Vielmehr sieht sich Lenski mit dem Argwohn von Sabine Hallmann (Katharina Heyer) konfrontiert, deren Kind gerade entführt wurde – sie, die Kommissarin, habe ja noch nie in einem solchen Fall ermittelt. Ein wenig merkwürdig ist es schon, dass Lenski und Kollege Raczek (Lucas Gregorowicz) in der Angelegenheit zu Rate gezogen werden, denn eigentlich hören die Kommissare im ARD-Sonntagabendkrimi nur auf "Mord".

Den gibt es in Das Beste für mein Kind auch, allerdings relativ spät und über Bande. Tot ist nicht der bald wieder aufgetauchte Junge, sondern der Mann, der ihn entführt hat: Paweł Różański, ein Kinderheim-Mitarbeiter. Der Mord an ihm wird zur durchaus spannenden Frage für die Folge, weil Różański sich als leiblicher Vater des entführten Kindes herausstellt.

Leon, das enthüllen die Ermittlungen nach und nach, ist nicht das Kind der Hallmanns, sondern der Sohn von Anna Kowalska (Agnieszka Grochowska), gezeugt in einer Affäre mit Paweł Różański. Die Hallmanns hatten für einen fünfstelligen Betrag die Bürokratie umgangen, um ihren Kinderwunsch zu erfüllen.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Für den Krimi, der dieser Polizeiruf auf dem Papier ist, kann sich die Folge (Drehbuch: Elke Rössler, Jakob Ziemnicki) kaum erwärmen. Es geht ihr vielmehr um das Drama, das sich erzählen lässt am Wohlstandsgefälle, als dessen Trennlinie die Oder-Neiße-Friedensgrenze fungiert. Adoption erscheint als umständliches Verfahren, wo die wirtschaftliche Not auf der polnischen Seite die idyllischen Träume auf der deutschen erfüllen kann.

Leon ist, in anderen Worten, die personifizierte fundamentale Lüge in diesem Fall, und sie zieht lauter weitere Lügen nach sich. Anhand derer können die großen ethischen Fragen auf beiläufige Weise verhandelt werden. Kann Ökonomie Moral zum Verstummen bringen? Jakob Ziemnickis Inszenierung zielt nicht auf plakative Interpretationen. Die Kamera von Gunnar Fuss – die immer wieder einen Kreisverkehr von oben in den Blick nimmt, als alltägliches Sinnbild für die Schwierigkeiten, verschiedene, mitunter krass gegensätzliche Interessen auszuhandeln – sorgt für angenehme Klarheit: Wie Lenski Frau Hallmann verhört in deren Haus, ist aufgelöst in distanzierte, aber darin sehr konzentrierte Gegenschüsse.

"Wir machen die nächste Familie kaputt"

Am Ende spitzt sich Das Beste für mein Kind in einem masurischen Wald auf die ganz großen Fragen zu. Ist die Wahrheit wirklich so absolut zu setzen, dass im Bestehen darauf die missliche Lage für alle Beteiligten noch misslicher wird? Anna Kowalskas Ehemann Bartosz Kowalski (Piotr Stramowski) bietet sich als Stellvertreter für die Schuld seiner Frau an – ein Klassiker des jüngeren ARD-Sonntagabendkrimis, um mit den Bällen der Aufklärung so lange wie möglich zu jonglieren. Hier aber wird das falsche Täterangebot von höherem Sinn erfüllt, weil sich Kowalski als Schuldiger anbietet, damit seine Frau Little Leon vor dem Heim bewahren kann.

"Ja, wo soll er denn hin? Ist doch scheiße", sagt Raczek, als Kowalski sich final zu verflüchtigen versucht und Lenski während der Verfolgung den Kollegen aufruft, seine Arbeit zu tun. Eine Parodie der Form, eine Umkehrung der Verhältnisse. Der Polizist rennt nicht hinterher, als der Verdächtige abhaut, weil er an die Grenzen seiner Weltvorstellungen stößt: "Wir machen die nächste Familie kaputt. Er hat doch recht, er hat doch recht", murmelt der Kommissar vor sich hin, ehe er doch tut, was ein Kommissar tun muss.

Die Wahrheit hinterlässt in Das Beste für mein Kind nur Verlierer. Aber dafür ist sie die Wahrheit.