"Die Geschichten sind wahr." Mit diesem schlichten Eingeständnis hat Louis C.K. vergangene Woche das linke Amerika durcheinandergewirbelt. Seit Jahren umgaben den Komiker Gerüchte: Er onaniere vor Frauen ohne deren Erlaubnis, gerade jüngere und implizit von ihm abhängige Komikerinnen fielen ihm zum Opfer. Seit ähnliche Vorwürfe gegen Harvey Weinstein nach ähnlich langer Latenzzeit in den Medien laut wurden, war es nur noch eine Frage der Zeit, bis auch die Vorwürfe gegen Louis C.K. (mit bürgerlichem Namen Louis Székely) zum Thema wurden. Am vergangenen Donnerstag brachte die New York Times schließlich eine penible Recherche zu den Vorwürfen, zu denen Louis C.K. selbst immer geschwiegen hatte. Sein Sender und seine Kollegen gingen auf Distanz, am Ende gab er alles zu.

Auch in Deutschland machte die Nachricht die Runde. Allerdings musste immer gleich noch erläutert werden, wer Louis C.K. eigentlich sei: dass seine Stand-up-Comedy legendär ist und dass er mehrere Fernsehsendungen produziert und geschrieben hat, die die amerikanische Comedylandschaft nachhaltig verändert haben. Dieser Ruhm erklärt die Reaktion auf C.K.s Eingeständnis jedoch nur zum Teil. Im öffentlichen Radio wurde angesichts der Frage, ob man C.K.s Werk noch goutieren dürfe, schon der Vergleich mit Richard Wagner und dessen Werk angestrengt. Den Vergleich kann man gleich in mehrerlei Hinsicht für überzogen halten. Vor allem aber hinkt er, weil Louis C.K.s Comedy genau jenen Fragen von Enthemmung und Selbstzensur nachspürt, an denen er selbst so kläglich gescheitert zu sein scheint.

Man merkte seinem Geständnis an, dass er alles richtig machen wollte: zugeben ohne Schnörkel und Deuteleien, ohne Selbstmitleid oder Selbstbeweihräucherung; nicht für die Frauen sprechen, sondern einfach ihre Geschichte bestätigen. Das entspricht paradoxerweise auch seiner Art von Komik: Louis C.K. wollte immer dabei gesehen werden, wie er zwar Scheiße baute, aber es am Schluss doch richtig machte. Darauf zielte nun auch seine Beichte ab: Er setzte sich in Szene, wollte Weinstein, Moore und all den anderen vormachen, wie man es machen kann.

Plötzlich suspekte Momente der Selbstreflexion

Gegen Ende seines Auftritts Oh My God hat Louis C.K. einen ausgedehnten Witz eingebaut, der seinen Humor wie wohl kein anderer auf den Punkt bringt. Er habe manchmal widersprüchliche Gedanken, die er "Natürlich nicht! … Aber vielleicht" nenne. Natürlich wollen wir nicht, dass ein Kind wegen seiner Erdnussallergie zu Schaden komme, sagt er bei solchen Witzen. Das wäre wirklich traurig, und Erdnüsse sind ja fast überall drin. Pause. Aber vielleicht ist es doch so, dass ein Kind, das von einer einzigen Erdnuss zu Fall gebracht werden kann, evolutionär doch eher ein Holzweg sei?

Irgendwie politisch inkorrekt zu sein gehört für einen amerikanischen Komiker dazu. Auch Louis C.K. hat sich immer einen Spaß daraus gemacht, einfach mal das Publikum zu brüskieren. Das ist kein Distinktionsmerkmal – wohl aber die Reue, die man ihm bei jedem seiner zotigen Witz ansah. Ansah? Oder anzusehen meinte? Oder ansehen sollte? Es waren jene Momente, die seine Comedy so interessant machten, und die jetzt sämtlich suspekt wurden. Ja, da die Vorwürfe lange Zeit im Raum standen, bis die aktuelle Sexismusdebatte sie mit erneuerter Wucht hochspülte, waren diese Momente schon damals reichlich suspekt.

C.K. zelebrierte gerade nicht den anarchischen Impuls des "Aber vielleicht". Er hat verschiedene Versionen seiner Dialektik von "Natürlich nicht! Aber vielleicht" zum Besten gegeben. Eine ging so: "Natürlich war die Sklaverei etwas Schlechtes." Und während das Publikum dann entsetzt den Atem anhält und bevor er den Witz auflöst, schiebt C.K. dazwischen, dass es doch seltsam sei, dass jetzt alle die Hosen voll hätten. Bei von Erdnüssen getöteten Kindern hätten sie schließlich noch alle fröhlich mitgeklatscht.

Der Witz entlarvt das Drama der Selbstzensur und stellt sich am Schluss eigentlich auf die Seite dieser Selbstzensur. Der Komiker ist nicht nur der Mutige, der wagt auszusprechen, was wir immer schon heimlich dachten, er ruft uns auch in Erinnerung, warum wir es, außerhalb des Ausnahmezustands einer Comedy-Show, eben niemals aussprechen würden. "Das Lachen ist ein Affekt aus der plötzlichen Verwandlung einer gespannten Erwartung in nichts," schrieb Kant in der Kritik der Urteilskraft. Die Komik des Louis C.K. lebt vom frustrierten Impuls, von der nie aufgelösten Spannung. Von der Intuition, dass Spannung durchaus etwas Gutes haben kann.