Der Dresdner Tatort: Auge um Auge (MDR-Redaktion: Sven Döbler) hat schon vor der Ausstrahlung von sich reden gemacht. Wegen einer Szene zu Beginn, in der sich das Versicherungsopfer Harry Böhlert (Peter Schneider) in den Tod stürzen will und von einer Gruppe junger Männer davor bewahrt wird.

Die Männer sollten ursprünglich als Pegida-Anhänger zu erkennen sein, denen gegenüber Harry Böhlert, trotz Rettung, sein Missfallen zum Ausdruck bringt. Das mit dem Missfallen-Bekunden fiel im Schnitt raus, die Pegida-Erkennbarkeit blieb, weshalb der MDR noch einmal digital nachbearbeiten musste und Spürfüchse der Bildbetrachtung nun rätseln können, in wessen Hand die bildkosmetisch entfernte, bei Pegida beliebte Fahne wohl gesteckt haben könnte.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Der Vorfall ist in zweierlei Hinsicht interessant. Erstens: Weil die Verantwortlichen offenbar nicht von selbst merken, dass eine Szene etwas anderes erzählt als beabsichtigt, wenn man einen wichtigen Teil weg lässt. Und zweitens: Weil die Idee, sich mit einem Satz des Missfallens zu den Mühselig-Beladenen zu äußern, den politisch unterkomplexen Ansatz dieser Tatort-Folge gut abbildet.

Dabei ist die Grundidee, sich über Bande mit einem Thema zu beschäftigen, das Außenstehende derzeit mindestens so stark mit Dresden verbinden wie Christstollen und Frauenkirche, nicht einmal unoriginell. Der Tatort will nicht direkt rein ins dumpfe Gewühl, sondern mit seiner Versicherungskritik eine Alternative für Wut und empfundene Zurücksetzung anbieten. Das Schlussplädoyer der Täterin Martina Scheuring (Henny Reents – bekannt etwa aus der legendären Nord-bei-Nordwest-Folge Käpt'n Hook) resümiert dieses Anliegen in aller Deutlichkeit: Warum treten die Leute in ihrer Angst und Verunsicherung nach unten, statt sich gegen die eigentlichen Problembären zu wenden?

Weil die nicht so leicht rassistisch aufladbar und, vor allem, weil die schlechter greifbar sind, wäre vermutlich eine Erklärung. Dass Auge um Auge an der Begreifbarkeit gesellschaftlicher Schieflagen etwas ändert, steht allerdings nicht zu erwarten. Dafür sind Inszenierung (Regie: Franziska Meletzky) und Erzählung (Drehbuch: Ralf Husmann, Peter Probst, Regiefassung: Meletzky) eben zu plakativ und schematisch.

Das kann man schon an der übersichtlichen Verdachtszuteilung sehen, mit der die Folge am Laufen gehalten werden soll: Weil auf dem Dach, von dem aus der erste Mord begangen wurde (am Versicherungsvorsitzenden Alexander Schubert, der eben noch Egon Krenz in Meletzkys Kinofilm Vorwärts immer spielte), ein Aschenbecher mit sehr alten Kippen gefunden wird, muss es sich um einen Raucher mit Schießerfahrung handeln. Damit Mademoiselle Scheuring am Ende auch die zweite Eigenschaft erfüllt, entdeckt Kommissarin Karin Gorniak (Karin Hanczewski) rechtzeitig vor Schluss ein Foto, das die Täterin mit Waffe zeigt.

Ein anderes Beispiel für die Grobschlächtigkeit politischer Charakterzeichnung wäre Alima Al Sayed (Selin Kavak). Die aus Syrien geflüchtete Frau wird von Kommissarin Henni Sieland (Alwara Höfels) unterstützt, kommt aber über den Status eines Accessoires nicht hinaus. Der Witz an einem Film ist ja, dass er Beziehungen spezifizieren, Geschichten konkret erzählen könnte, die lediglich als Verallgemeinerungen, wenn nicht gar Klischees vorkommen in den Leitartikeln, auf die sich die ARD-Sonntagabendkrimis nicht selten beziehen, wenn sie politisch mitreden wollen.