Maria Furtwänglers Charlotte Lindholm wird im Prolog des Tatort: Der Fall Holdt (NDR-Redaktion: Christoph Pellander, Christian Granderath) einiges zugemutet. Sie trägt samtenen Fummel, unschicke Schuhe und tanzt hot mit neuem Gspusi (Adam Bousdoukos) in der Disko ab. Dann geht sie, weil die Schlange vorm Damenklo zu lang ist, raus auf den Parkplatz, um zu pinkeln zwischen zwei Autos (ein alter Urinierklassiker, selten zur besten Sendezeit zu bestaunen).

Wird dabei gefilmt von drei Männern, was sie sich verbittet. Der Streit wird handgreiflich, und ehe man noch denkt, jetzt bringt die Kommissarin ihre ganzen Skills aus den Spezialtrainings an den Mann, liegt sie geschlagen und blutend am Boden. So porös hat noch keine der vorhergehenden 24Folgen Charlotte Lindholm interpretiert.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Bislang wirkte die Kommissarin im Hannover-und-drumherum-Tatort wie ein Image-Spin-off ihrer Darstellerin Maria Furtwängler: Eine bundespräsidentinnenhafte Erfolgsfrau, die als alleinerziehende Mutter die Vereinbarkeit von Beruf und Familie als – noch in seinen schwächeren Momenten – strahlendes Beispiel einer durch Ursula von der Leyen modernisierten konservativen Familienpolitik repräsentierte. Damit macht die "junge Himmelstürmerin" (Dirk Thiele) Anna Zohra Berrached (24 Wochen) in ihrem ersten ARD-Sonntagabendkrimi zumindest vorübergehend Schluss.

Daran soll eben schon der Prolog keinen Zweifel lassen, und dass das Kind der Kommissarin als praktisch überflüssige Drehbuchidee gar nicht vorkommt (was in anderen Folgen in der Regel auch nur hieß: zu Beginn auf irgendeinen Reiterhof gebracht zu werden), ist Teil des offensiven Umbaus der Lindholm-Figur. 

Berrached hat sich mit Der Fall Holdt eine reale Geschichte genommen (Drehbuch: Jan Braren), um sie als Tatort begehbar zu machen: den Mordfall Maria Bögerl, der 2010 für Aufmerksamkeit sorgte. Eine wohlsituierte Kleinstadt-Bankfilialleiter-Gattin wurde entführt und nach verpatzter Lösegeldübergabe ermordet aufgefunden. Die Polizei konnte den Fall bis heute nicht aufklären, Bögerls Mann erhängte sich Monate nach der Entführung; als Grund wird der mediale und polizeiliche Druck vermutet, weil die Ermittlungen sich bald gegen Familienmitglieder richteten.

Der Fall Holdt spekuliert ebenfalls in diese Richtung und konzentriert den Verdacht der Zuschauerin auf den Mann der entführten Frau. Den Tod des geliebten Hundes, der beim Kidnapping erschossen wird, scheint Frank Holdt (top besetzt: Aljoscha Stadelmann) mehr zu bedauern als den Verlust der Frau (Annika Martens). Aus den Gesprächen mit den Schwiegereltern (Hedi Kriegeskotte, der große Ernst Stötzner) kommt er als Minderleister heraus, der seinen Status als Bankfilialleiter überschätzt und seine Männlichkeit lange nicht so selbstverständlich mit Autorität füllen kann wie der Patriarch alter Prägung.

Und beim Verhör des Reitstall-Romeos (Philipp Baltus), den sich Frau Holdt als "Ticket" aus ihrer Unzufriedenheit gesucht hatte, kriegt Kommissarin Lindholm Bilder zu sehen (der Zuschauer nicht), die sie an ihren eigenen blauen Flecken erinnern, Dokumente einer Gewalt, mit der – wie der Film es nahelegt – der hilflose Mann seine Verzweiflung bearbeiten zu können glaubt.

Ein neuer Klassiker der "Tatort"-Reihe

Elegant ist die Konstruktion dieses Tatort, weil es ihm nicht um eine Lösung des in Wahrheit ungelösten Falles geht. Vielmehr nutzt er gerade die Offenheit der Geschichte, um von Gewalt gegen Frauen zu erzählen und den Umgang damit. Lindholms Scheitern (das hat man auch noch nie gesehen, dass die Strahlefrau am Ende weinend mit leeren Händen dasteht und den Fall entzogen bekommt; dass überhaupt eine Tatort-Protagonistin so zur Disposition gestellt wird) wird beiläufig durch die zu Beginn erfahrene Ohnmacht grundiert.

Die Festlegung der Kommissarin auf den schon auch suspekten Ehemann erscheint final als die schleichende Vermengung von Persönlichem und Beruflichem – allerdings in einer viel dezenteren und damit plausibleren Variante, als es in der Regel üblich ist, wenn ARD-Sonntagabendkrimi-Kommissare das "Thema" des Falls noch einmal als Variation im Spiegel ihres Privatlebens entdecken.

Der Fall Holdt hat einen sehr genauen Blick auf die Verletzlichkeit von Körpern; die Schmerzen der Prolog-Prügel retuschiert der Film bis zum Schluss nicht aus der Lindholm-Figur. Sie spürt die Konkurrenz einer jungen Kollegin (Susanne Bormann) und muss sich gegen den öligen, im Weiterreichen seines eigenen Drucks von oben aber nicht lächerlichen Chefs (Stephan Grossmann) behaupten. Hier wird wirklich einmal von Hierarchie erzählt, von unterschiedlichen Temperamenten und spürbaren Zwängen am Arbeitsplatz. Im Hintergrund des Falls wird, auch das sparen Tatort-Filme zumeist aus, zudem das mediale Interesse sichtbar, das die Ermittlungen beeinflusst.

Und dazu kommen die tollen Bilder, die Bernhard Keller von der Waldeinsamkeit gemacht hat, in der das schöne Haus der Holdts steht als Symbol des westdeutschen Wohlstands. Wenn wir nicht dooferweise gerade 50 Jahre Aktenzeichen XY ungelöst hinter uns hätten, wo in genau solch scheinbar idyllischen Settings immer irgendwelche Autos rumstehen, in denen das Böse rauchend hinterm Steuer sitzt und auf den richtigen Zeitpunkt wartet – man würde morgen abgeschiedene Einfamilienhäuser im Niedersächsischen googlen. Die Musik von Jasmin Reuter brummt kalkulierte Dissonanzen unter die klaren Bilder.

Anna Zohra Berrached hat mit Der Fall Holdt einen Klassiker der Tatort-Reihe gedreht. Nach den kunstfernen Äußerungen von WDR-Fernsehdirektor Jörg Schönenborn (seit wann entscheidet der eigentlich über Filmproduktionen?), man wolle künftig nur noch zwei "experimentelle" Tatort-Folgen pro Jahr drehen, ist der Witz, dass man Der Fall Holdt, den alle mögen werden, da durchaus drunter rechnen könnte.