Was das Gesicht von Mark Felt auf den ersten Blick so markant erscheinen lässt, ist seine Undurchdringlichkeit. Und auf den zweiten Blick ist es das, was dahinter aufglimmt, nur ganz unbestimmt, ganz fern. Ein Flackern hinter einer blinden Glasscheibe. Ein Funken in Liam Neesons Augen. Da steht dieser Mann im blauen Dämmerlicht des frühen Morgens im Garten seines Hauses, eine Tasse Kaffee in der einen und eine Zigarette in der anderen Hand, schaut über den Swimmingpool in die Weite. Und es arbeitet in ihm. Dabei bewegt sich nichts. Oder eben kaum etwas. Mehr als 100 Minuten lang geht das so. Und doch ist man, so paradox das klingen mag, am Ende Zeuge einer Entwicklung geworden.

Der Einbruch in das Washingtoner Watergate-Hotel am 17. Juni 1972 war der Auftakt zur wohl spektakulärsten Polit-Affäre in der Geschichte der Vereinigten Staaten, die schließlich im August 1974 in den Rücktritt des amtierenden Präsidenten Richard Nixon mündete. Trotz der schwelenden Gerüchte um die Beteiligung des Weißen Hauses am Versuch der Verwanzung des Hauptquartiers der Demokratischen Partei hatte Nixon die Wahl im November 1972 mit überwältigender Mehrheit gewonnen. 

Maßgeblich befördert wurde Nixons Sturz durch die investigative Arbeit der beiden Washington Post-Journalisten Bob Woodward und Carl Bernstein. Die wiederum bezogen ihre Informationen aus einer Quelle im FBI, die sie spaßeshalber und in Anlehnung an einen Pornofilm Deep Throat getauft hatten. Die Frage, wer diese Quelle gewesen sein könnte, war mehr als 30 Jahre lang Gegenstand wilder Spekulationen, bis sich 2005 ein Mann als "Deep Throat" outete: Mark Felt, seit 1942 in Diensten des FBI, zunächst als sogenannter Nazi-Jäger, später, nach dem Tod J. Edgar Hoovers, als stellvertretender Direktor.

Kino - »The Secret Man« (Trailer) © Foto: Wild Bunch Germany

Der Regisseur Peter Landesman, ein gelernter Journalist und Spezialist für verschwörungstheoretisch aufgeladene amerikanische Stoffe, macht von Beginn an keinen Hehl aus der Perspektive seines Films, der im Original schlicht den Namen seines Protagonisten trägt: Mark Felt. Wir sind immer ganz dicht dran an diesem Mann und befinden uns doch in einer gewissen Distanz zu ihm. Landesmans Drehbuch stützt sich hauptsächlich auf die 2005 von Mark Felt und John D. O'Connor gemeinsam verfassten Lebenserinnerungen Felts. Es ist ein ungemein atmosphärischer, gradliniger Film, der keinen erzählerischen Wildwuchs duldet und sich ganz und gar auf seine Hauptfigur konzentriert.

Dass das so blendend funktioniert, liegt an Liam Neeson, dem zweierlei gelingt: Zum einen verkörpert er die Macht des geheimen Wissens, eines Wissens, das die Institution FBI unter Hoover angehäuft hat. Dazu braucht es keine physische Stärke, sondern lediglich die Aura des Unantastbaren. Heiser, fast flüsternd ist seine Stimme, aber alle hören ihm zu. Zum anderen rutscht Felt nach und nach in eine Situation hinein, in der ihm die Kontrolle zu entgleiten droht. Eine Situation, die er sonst nur von zu Hause kennt, wo seine depressive Ehefrau Audrey (Diane Lane) in stiller Trauer um die vermeintlich spurlos verschwundene Tochter vor sich hin trinkt.