Der groß angelegte Kino-Dokumentarfilm Wer war Hitler beginnt fernab von Braunau am Inn, in Neuseeland. Maoritänzer verabschieden feierlich Kriegsfreiwillige, die zum Fronteinsatz in Europa einschiffen. Kurz danach fallen in den Bergen Italiens Schüsse. Von einem unerbittlichen Nahkampf zwischen Neuseeländern und Deutschen ist die Rede. Erst dann tritt Adolf Hitler in Erscheinung, und die Geschichte in Braunau am Inn beginnt. Die Bilder aus Neuseeland allerdings wirken nach, die der tanzenden Maori mit ihrer markanten Mimik und Gestik, die ihrer Landsleute in Uniform. Dieses Filmdokument macht weder Hitler begreifbarer noch dient es sonst einer Deutung der NS-Zeit. Am Rande der großen Geschichtsnarrative wirkt es wie ein Detail und macht dadurch dessen Dimension deutlich.

Mit großem Respekt vor dieser individuellen Wirkkraft jedes Bildes behandelt der Regisseur und Autor Hermann Pölking jene Fundstücke, die er für seine Kompilationsfilme weltweit aus Archiven und privaten Sammlungen zusammenträgt. Umfangreiche Chroniken wie Die Deutschen 1815 bis heute oder Ostpreußen – Panorama einer Provinz entstanden auf diese Weise. Auch das Archivmaterial für Vanessa Lapas Heinrich-Himmler-Film Der Anständige trieb Pölking auf. Der 63-Jährige, der in Bremen und Berlin lebt, bezeichnet sich gern als Filmarchäologe, weil er stets unterwegs ist, um bewegte Bilder auszugraben. Für Wer war Hitler – mit einem Budget von eineinhalb Millionen Euro sein bislang kostspieligstes Projekt – hat Pölking nach eigenen Angaben mehr als 120 Archive ausgewertet und 850 Stunden Filmmaterial gesichtet. Entstanden ist außer der dreistündigen Kinofassung eine siebeneinhalbstündige Festivalfassung. Noch länger soll die Fernsehserie werden.

Ambitioniert und groß dimensioniert

Genauso umfangreich war die Literaturrecherche. Denn Wer war Hitler kommt nicht nur als zeitgeschichtliches Panorama mit einem Großteil unbekannten und raren Filmmaterials daher. Auf der Tonspur bietet der Film auch ein Kaleidoskop von Zitaten, die aus Tagebüchern, Briefen, Reden, Zeitungsartikeln oder Autobiografien von Zeitgenossen Hitlers stammen. 800 Bücher habe er dafür gelesen, sagt Pölking. Aus der Hälfte davon zitiere er im Film. Mehr als 1.000 Textstellen von 350 Zitatgebern habe er verwendet, vertont von 125 Sprechern. Noch weitaus mehr Zitate bietet das etwa 800-seitige Buch, das Pölking unter demselben Titel bereits vor einem Jahr im Bebra-Verlag veröffentlichte. Kurzum: Dieses Hitler-Projekt ist durchweg ambitioniert und groß dimensioniert. Und vieles davon gelingt.

Kino - »Wer war Hitler?« (Trailer) © Foto: Edition Salzgeber

Um dem Vorwurf des historiografischen Dilettantismus vorzubeugen, hat Pölking für seine Buchkapitel den jeweiligen Forschungsstand aufbereitet. Daraus ergibt sich nun die Dramaturgie des Films. Bis auf Ausnahmen folgt er der Chronologie von Hitlers Leben und Diktatur: Hitler als Tunichtgut, als Gefreiter, Volksredner und Wahlkämpfer bis hin zum "Führer", Brandstifter, Massenmörder, Kriegsverbrecher und Selbstmörder. So lauten auch die Titel einiger Kapitel. "Ich glaube, mein Leben ist der größte Roman der Weltgeschichte", wird Hitler zitiert.

Die bislang letzte Dokumentation über den Diktator, die im Kino lief, war Hitler – Eine Karriere (1977) von Joachim Fest. Im Gegensatz zu Fests aufwändig recherchiertem Film kommt Wer war Hitler weitgehend ohne Propagandamaterial aus. Aber nicht nur in der Quellenauswahl, sondern auch in der Haltung unterscheidet sich Pölking von seinem direkten Vorgänger. Der Historiker Fest, der zuvor schon eine umfangreiche Hitler-Biografie geschrieben hatte und später mit Der Untergang die dokumentarische Vorlage für den gleichnamigen Spielfilm mit Bruno Ganz verfasste, sah in Hitler die "alles bewegende, unwiderstehliche Kraft" im Dritten Reich. "In seiner Person", schrieb Fest über den Diktator, "hat ein Einzelner noch einmal seine stupende Gewalt über den Geschichtsprozess demonstriert" – ganz so, als sei vor allem Hitler verantwortlich für die mörderischen Exzesse des Nationalsozialismus. In der Geschichtswissenschaft stand Fest somit in der Tradition der Intentionalisten – auch spöttisch Hitleristen genannt. Demgegenüber standen und stehen die Strukturalisten, die für die Exzesse weniger Hitler in der Verantwortung sehen als vielmehr die eigentümliche Struktur des nationalsozialistischen Regimes und somit eine Vielzahl von Personen. Schon seit den Siebzigerjahren streiten Historiker über diese Frage, wenn auch heute längst nicht mehr so erbittert wie damals.

"Charismatische Herrschaft" des NS-Regimes

Hitler im Sommer 1938 während eines Luftwaffenmanövers auf dem Darß in Mecklenburg © Edition Salzgeber

Hermann Pölking versucht nun, wie er im Nachwort seines Buches schreibt, die Sicht der Intentionalisten und Strukturalisten zu kombinieren. Damit folgt er der Sichtweise des Historikers Ian Kershaw. Dieser betrachtet in seiner wegweisenden Hitler-Biografie von 1999 den Nationalsozialismus im Sinne der beiden Soziologen Max Weber und Rainer Lepsius als "charismatische Herrschaft". Und eben das macht den Dokumentarfilm Wer war Hitler so sehenswert, auch wenn er die NS-Zeit weder durchgängig noch vollständig nach dem Charismakonzept seziert.

Wer Hitler als "charismatischen Führer" betrachten will, ist nicht daran interessiert, möglichst objektiv dessen Persönlichkeit zu analysieren. Charisma bedeutet in diesem Verständnis nicht etwa persönliche Begabung, Ansehen oder Popularität. Stattdessen geht es bei der "charismatischen Herrschaft" um die soziale Beziehung zwischen "Führer" und Gefolgschaft und um die radikale Umwälzung der Herrschaftsstruktur. Das zu veranschaulichen gelingt Pölking in weiten Teilen sehr überzeugend. So skizziert er anhand von Zitaten den unbedingten Willen Hitlers zur absoluten Autorität, die nichts anderes duldet als radikale Unterwerfung: "Ich halte mich für berechtigt, von jedem deutschen Soldaten das Opfer seines Lebens zu fordern." Zugleich zeigen die Bilder einen Mann, der sich geschickt als Führungsfigur inszeniert, obwohl er privat oft verklemmt und blass wirkt. Unsicher steht er da neben zwei jungen Frauen, die ihn anhimmeln. Unscheinbar liest er im Flugzeug Zeitung und betritt zaghaft das Cockpit. Wenig später jedoch entsteigt Hitler staatsmännisch der Maschine. Manchmal patzt er  in seiner Selbstinszenierung, dann zum Beispiel, wenn er während einer Parade überraschend seinen Arm zum Handschlag ausstreckt, statt ihn zum Gruß zu erheben. Pölking beweist großes Gespür für Bilder mit hintersinnigem Witz.

Wer war Hitler veranschaulicht den für eine "charismatische Herrschaft" typischen Willen der Gefolgschaft, sich einer Autorität auch tatsächlich zu unterwerfen. Da sind in ständig neuen Konstellationen Menschenmassen zu sehen, die Hitler zujubeln. Da springt ein junger Soldat vor Begeisterung auf den vorbeifahrenden Wagen des "Führers". Da schwärmt ein Regimentsarzt über Hitler: "Wir wissen, dass er alles für uns tut, was irgend getan werden kann. Das gibt uns ein unbegrenztes Vertrauen." Und immer wieder bekundet Henriette Schneider, eine ostpreußische Erzieherin und Hausfrau, wie sehr sie auf Hitler hofft: "Der Führer wird alles zum guten Ende bringen", notierte sie in ihrem Tagebuch, nachdem auch die USA in den Krieg eingetreten waren. Wie sehr sich Schneider und die anderen Charismagläubigen ihrem Charismaträger hingaben, wird besonders in der langen Festivalfassung von Wer war Hitler deutlich. Die kürzere Kinofassung hingegen ist auf seine Person und die politischen Ereignisse zugespitzt. Henriette Schneider kommt darin leider seltener zu Wort.

Auch wie jene "charismatische Situation" entstand, nachdem Hitler an die Macht kam, zeigt Pölking. Die Deutschen sahen sich damals in einer wirtschaftlichen und politischen Krise, obendrein waren sie anfällig dafür, charismatischen Kräften zu folgen. Das wusste Hitler sehr genau, wie er 1923 in einem Interview mit der Daily Mail bekundete, aus dem Pölking zitiert: "Wenn in Deutschland ein Mussolini erschiene, dann würden die Leute auf die Knie fallen und ihn mehr anbeten, als Mussolini je angebetet worden ist." So kam es dann auch, als Hitler mit seinem Gut-Böse-Schema die vermeintlich Schuldigen für die Krise ausmachte und Erlösung versprach.

Um die "charismatische Herrschaft" des NS-Regimes zu erklären, wäre es allerdings unerlässlich gewesen, auch den grundlegenden Wandel der Herrschaftsstruktur zu veranschaulichen. Das kommt im Film zu kurz. Hitlers Macht etablierte sich demnach erst mit der Auflösung alter, geordneter Strukturen. Institutionalisierte Regeln und die kollektive Entscheidungsbildung in Partei und Verwaltung schaffte er ab. Stattdessen gab es ein administratives Durcheinander mit einer "Führerunmittelbarkeit", die darin gipfelte, dass viele Deutsche ihre Pflicht darin sahen, Hitler in seinem Sinne zuzuarbeiten, ohne auf Anweisung von oben zu warten. So beschreibt es jedenfalls Ian Kershaw und bietet damit einen Schlüssel zum Verständnis, wie es zur Ermordung von Millionen europäischer Juden kommen konnte, obwohl sich dafür nie ein schriftlicher "Führerbefehl" gefunden hat.

Vorbilder und Inspirationsquelle

All das veranschaulicht Wer war Hitler bedauerlicherweise nicht in jener analytischen Schärfe, die der Film erwarten ließ. Aber Hermann Pölking wollte eben ganz bewusst kein Erklärstück machen, sondern die Deutung der Bilder und Zitate weitgehend den Zuschauern überlassen. Die fehlende Strenge in der Dramaturgie, die beinahe ganz auf der Chronologie der Ereignisse beruht, lässt den Film allerdings streckenweise langatmig wirken. Gerade hier wirkt Pölkings aufwändige Text-Bild-Montage gemessen an seinen Vorbildern etwas blass.

Als ein solches Vorbild bezeichnet Pölking den US-amerikanischen Meister des Kompilationsfilms, Ken Burns. Mit Dokumentarfilmserien wie The Civil War, Baseball, Jazz und The War hat Burns erheblichen Einfluss auf das Geschichtsbewusstsein seiner Landsleute. Erst vor Kurzem hat er mit Vietnam bewiesen, wie packend sich mit Archivmaterial erzählen lässt. Zu verdanken ist das unter anderem der Dramaturgie. Burns erzählt den Vietnamkrieg nicht nur chronologisch, sondern zusätzlich episodenhaft aus der Perspektive einzelner Soldaten. Das hätte – ohne Interviews zu bemühen – auch Wer war Hitler gutgetan.

Als zweite Inspirationsquelle nennt Pölking Das Echolot – ein kollektives Tagebuch von Walter Kempowski. Auch hier ist es die Strenge der Dramaturgie, die über die riesige Textcollage hinweg fesselt: Zum einen bezeugen die Schilderungen eine erstaunliche Gleichzeitigkeit, zum anderen tauchen manche Zitatgeber so häufig auf, dass sie einem zu vertrauten Personen werden. Der Abstand zu seinen Vorbildern ist Pölking indes bewusst und er schreibt: "Mein Garn ist nicht so dicht verwoben wie das von Burns und Kempowski."

Komplexer als Guido Knopps Dokus

Dafür ist Pölkings Garn komplexer, herausfordernder und inspirierender verwoben als jenes der TV-Dokumentationen über den Nationalsozialismus, die mit dem Namen Guido Knopp verbunden sind. Der frühere Leiter der ZDF-Zeitgeschichtsredaktion hat mit den von ihm verantworteten Dokumentationen wie Hitlers Helfer einen zweifelhaften Stil geprägt, der regelmäßig ein Millionenpublikum erreicht und weltweit Nachahmer gefunden hat. Im Zentrum stehen persönliche, emotionale Episoden, die die Sicht auf historische Zusammenhänge allzu oft verdecken. Es dominieren erklärende Kommentare und sogenannte talking heads, historische Szenen werden nachgestellt, vieles frei erfunden und immer wieder wird Hitler im Sinne der Intentionalisten als "alles bewegende, unwiderstehliche Kraft" dargestellt, während das historische Filmmaterial zur Illustration verkommt und seine eigene Wirkkraft verliert. Reuigen Tätern wird es dadurch genauso leicht gemacht wie Opfern, die Sympathie der Zuschauer zu gewinnen. Leid scheint damit gegeneinander aufgewogen zu werden.

Zu solchen TV-Dokus bietet Hermann Pölking einen Gegenentwurf. Er hat Wer war Hitler ausschließlich aus zeitgenössischem Bildmaterial montiert. Der Kommentar beschränkt sich auf wenige Erklärungen. Bild und Ton unterwerfen einander nicht, sondern nehmen aufeinander Bezug, mal illustrierend, mal kontrastierend, mal karikierend. Politisches und Persönliches verschleiern sich somit nicht länger, sondern stehen ergänzend nebeneinander.

Und plötzlich fällt Licht auf die Geschichte, wo Historiker oft dunkle Flecken lassen. Da reist ein junges Ehepaar im Kanu mit Hakenkreuzfähnchen die Oder entlang und filmt sich dabei selbst. Als die beiden in Stettin ankommen, bricht der Zweite Weltkrieg aus. An dessen Ende liegt das "Deutsche Reich" in weiten Teilen in Schutt und Asche. Eine Trümmerfrau streckt keck der Kamera die Zunge raus. Ein Henker geht geflissentlich seiner Arbeit nach. Und Henriette Schneider notiert in ihrem Tagebuch: "Jetzt sind Hitler und Mussolini im Tod vereint." Spätestens mit dem Selbstmord des "Führers" ist die "charismatische Herrschaft" zu Ende. Die Deutung der Person Hitler ist es auch heute noch nicht.