Hitler im Sommer 1938 während eines Luftwaffenmanövers auf dem Darß in Mecklenburg © Edition Salzgeber

Hermann Pölking versucht nun, wie er im Nachwort seines Buches schreibt, die Sicht der Intentionalisten und Strukturalisten zu kombinieren. Damit folgt er der Sichtweise des Historikers Ian Kershaw. Dieser betrachtet in seiner wegweisenden Hitler-Biografie von 1999 den Nationalsozialismus im Sinne der beiden Soziologen Max Weber und Rainer Lepsius als "charismatische Herrschaft". Und eben das macht den Dokumentarfilm Wer war Hitler so sehenswert, auch wenn er die NS-Zeit weder durchgängig noch vollständig nach dem Charismakonzept seziert.

Wer Hitler als "charismatischen Führer" betrachten will, ist nicht daran interessiert, möglichst objektiv dessen Persönlichkeit zu analysieren. Charisma bedeutet in diesem Verständnis nicht etwa persönliche Begabung, Ansehen oder Popularität. Stattdessen geht es bei der "charismatischen Herrschaft" um die soziale Beziehung zwischen "Führer" und Gefolgschaft und um die radikale Umwälzung der Herrschaftsstruktur. Das zu veranschaulichen gelingt Pölking in weiten Teilen sehr überzeugend. So skizziert er anhand von Zitaten den unbedingten Willen Hitlers zur absoluten Autorität, die nichts anderes duldet als radikale Unterwerfung: "Ich halte mich für berechtigt, von jedem deutschen Soldaten das Opfer seines Lebens zu fordern." Zugleich zeigen die Bilder einen Mann, der sich geschickt als Führungsfigur inszeniert, obwohl er privat oft verklemmt und blass wirkt. Unsicher steht er da neben zwei jungen Frauen, die ihn anhimmeln. Unscheinbar liest er im Flugzeug Zeitung und betritt zaghaft das Cockpit. Wenig später jedoch entsteigt Hitler staatsmännisch der Maschine. Manchmal patzt er  in seiner Selbstinszenierung, dann zum Beispiel, wenn er während einer Parade überraschend seinen Arm zum Handschlag ausstreckt, statt ihn zum Gruß zu erheben. Pölking beweist großes Gespür für Bilder mit hintersinnigem Witz.

Wer war Hitler veranschaulicht den für eine "charismatische Herrschaft" typischen Willen der Gefolgschaft, sich einer Autorität auch tatsächlich zu unterwerfen. Da sind in ständig neuen Konstellationen Menschenmassen zu sehen, die Hitler zujubeln. Da springt ein junger Soldat vor Begeisterung auf den vorbeifahrenden Wagen des "Führers". Da schwärmt ein Regimentsarzt über Hitler: "Wir wissen, dass er alles für uns tut, was irgend getan werden kann. Das gibt uns ein unbegrenztes Vertrauen." Und immer wieder bekundet Henriette Schneider, eine ostpreußische Erzieherin und Hausfrau, wie sehr sie auf Hitler hofft: "Der Führer wird alles zum guten Ende bringen", notierte sie in ihrem Tagebuch, nachdem auch die USA in den Krieg eingetreten waren. Wie sehr sich Schneider und die anderen Charismagläubigen ihrem Charismaträger hingaben, wird besonders in der langen Festivalfassung von Wer war Hitler deutlich. Die kürzere Kinofassung hingegen ist auf seine Person und die politischen Ereignisse zugespitzt. Henriette Schneider kommt darin leider seltener zu Wort.

Auch wie jene "charismatische Situation" entstand, nachdem Hitler an die Macht kam, zeigt Pölking. Die Deutschen sahen sich damals in einer wirtschaftlichen und politischen Krise, obendrein waren sie anfällig dafür, charismatischen Kräften zu folgen. Das wusste Hitler sehr genau, wie er 1923 in einem Interview mit der Daily Mail bekundete, aus dem Pölking zitiert: "Wenn in Deutschland ein Mussolini erschiene, dann würden die Leute auf die Knie fallen und ihn mehr anbeten, als Mussolini je angebetet worden ist." So kam es dann auch, als Hitler mit seinem Gut-Böse-Schema die vermeintlich Schuldigen für die Krise ausmachte und Erlösung versprach.

Um die "charismatische Herrschaft" des NS-Regimes zu erklären, wäre es allerdings unerlässlich gewesen, auch den grundlegenden Wandel der Herrschaftsstruktur zu veranschaulichen. Das kommt im Film zu kurz. Hitlers Macht etablierte sich demnach erst mit der Auflösung alter, geordneter Strukturen. Institutionalisierte Regeln und die kollektive Entscheidungsbildung in Partei und Verwaltung schaffte er ab. Stattdessen gab es ein administratives Durcheinander mit einer "Führerunmittelbarkeit", die darin gipfelte, dass viele Deutsche ihre Pflicht darin sahen, Hitler in seinem Sinne zuzuarbeiten, ohne auf Anweisung von oben zu warten. So beschreibt es jedenfalls Ian Kershaw und bietet damit einen Schlüssel zum Verständnis, wie es zur Ermordung von Millionen europäischer Juden kommen konnte, obwohl sich dafür nie ein schriftlicher "Führerbefehl" gefunden hat.