Alle, die Stephen Kings Es-Verfilmung super fanden und jetzt wieder Lust auf ein bisschen Horror haben, der ihnen die Haare zu Berge stehen lässt, sollten sich nicht vom Titel in die Irre führen lassen und einen Bogen um A Ghost Story machen. Wer aber an einem Film interessiert ist, der sich anfühlt wie eine spirituelle Erfahrung, der mit dem Zuschauer über die Ungeheuerlichkeit von Zeit, Endlichkeit und Ewigkeit meditiert, der Grenzen sprengt – der muss diesen Film sehen. Dann wird man einen der aufregendsten jungen Regisseure der USA entdecken.

David Lowery heißt er, und der 36-Jährige gibt gleich selbst zu, dass sein neuer Film richtig schief hätte gehen können. Seine Bedenken waren berechtigt. In A Ghost Story spielt Casey Affleck einen Geist, der ganz klassisch unter einem weißen Bettlaken durch die Gegend wandert.

Es wurde aber nicht lächerlich. A Ghost Story bietet im Gegenteil eine der emotionalsten Erfahrungen, die man in diesem Jahr im Kino machen konnte. Was auch daran liegt, dass sich der Filmemacher in unbekanntes Terrain vorwagte, also echtes künstlerisches Risiko einging. Dabei hätte Lowey auch den sicheren Weg gehen können, immerhin war er davor bei Disney angestellt. Dazu später mehr.

Sein Gesicht, nun kalt

In A Ghost Story zeigt Lowery ein junges Paar, von dem man weder den vollen Namen erfährt noch sonst viel. Rooney Mara spielt M, Casey Affleck C. Die beiden lieben sich und ziehen zusammen in ein Haus. Sie erzählt ihm, dass sie als Kind oft umgezogen ist und immer einen Zettel in einen Riss in der Wand steckte, auf den sie ein Gedicht oder Gedanken schrieb. Nachts wachen sie von merkwürdigen Geräuschen auf. Sie bekommt Angst, er beruhigt sie.

Dann stirbt C völlig unerwartet bei einem Autounfall. M steht im Leichenschauhaus an seiner Bahre, das Tuch wird zurückgeschlagen, sie sieht in sein Gesicht, das nun kalt ist. Dann geht sie. Die Kamera aber bleibt bei C, schaut lange auf diese Bahre mit dem toten Körper. Bis der sich plötzlich aufrichtet. Durch das Krankenhaus läuft, nach draußen, zu dem Haus, in dem er mit M glücklich war. Und dort steht er dann in der Ecke, unter seinem Leichentuch, und schaut ihr beim Trauern zu.

Keine Sorge, das ist nicht die ganze Geschichte, es passiert noch einiges mehr. Doch schon dieser Anfang, der ja nicht viel mehr ist als eine Skizze, die jeder Produzent, würde sie ihm als Drehbuch vorgelegt, vermutlich vom Tisch wischen würde – schon dieses scheinbar dürftige Gerüst entwickelt eine unheimliche Macht.

Das liegt an David Lowerys insistierendem Blick, der etwas freilegt, was zwischen den Bildern liegt. Selten gelingt es einem Regisseur und seinen Darstellern, eine tiefe, innige Liebe zwischen zwei Menschen wirklich glaubhaft zu zeigen. Oft wird Intimität zerredet. Casey Affleck und Rooney Mara dagegen wirken in A Ghost Story, als seien sie füreinander gemacht.

Sie reden dabei kaum, murmeln eher vor sich hin. Lowery fängt ihre besondere Nähe allein mit filmischen Mittel ein. Lässt die Szene weiterlaufen, wenn C und M sich nach ihrem nächtlichen Schrecken wieder ins Bett legen, sich aneinanderschmiegen, in die Augen schauen, küssen, gemeinsam einschlafen. In Szenen wie diesen scheint die Zeit still zu stehen und hervor tritt eine Essenz, die sonst in ihrem Fortschreiten verloren geht.

Mit der gleichen Intensität zeigt Lowery auch die Trauer. Er braucht dazu nur eine Szene. Die hat es aber in sich: M sitzt in der Küche auf dem Boden, sie beginnt einen Kuchen zu essen, den ihr die Vermieterin gebracht hat. Sie isst und isst, bearbeitet den Kuchen mit zunehmender Verzweiflung, und dabei beginnen die Tränen zu fließen. Fünf Minuten lang geht das so. Das ist so anstrengend wie echte Trauer. Und entwickelt kathartische Wirkung.