"Wenn alle Klugen gehen, was passiert dann?" – "Wir halten die Stellung." Es gibt in diesem ergreifenden und durchgehend schwulstfreien Film eine Reihe von Sätzen, die ins Zentrum seines Themas führen. Kästner und der kleine Dienstag ist nämlich nicht nur eine Geschichte über eine ungewöhnliche Freundschaft in einer grauenhaften Zeit. Es ist auch eine Geschichte darüber, wie Menschen sich unter dem Druck der äußeren Verhältnisse verändern und zu Opportunisten werden. Vor allem aber geht es um einen grundlegenden Irrtum und dessen moralische Konsequenzen: Wie sich ein Intellektueller über den Nationalsozialismus täuscht und darüber, wie ernst er ihn nehmen muss. Dass die neuen Machthaber tatsächlich Ernst machen, bis in die letzte Konsequenz. Und dass sie auch vor der Kunst nicht Halt machen.

"Ich sammle. Und dann schreibe ich den Roman, den die, die weggegangen sind, nicht schreiben können." Künstler wie Erich Kästner, Jahrgang 1899, standen damals zwischen der Entscheidung, sich in das viel diskutierte innere Exil zu begeben, das gleichzeitig Zugeständnisse an die Machthaber verlangte, und dem radikalen Schritt, zu emigrieren. Dorothee Schön (Drehbuch) und Wolfgang Murnberger (Regie) gelingt es in Kästner und der kleine Dienstag ziemlich schnell, die libertäre Berliner Künstlerszene der zwanziger Jahre, in der sich der Schriftsteller als Mischung aus Überflieger und Frauenheld bewegt, mit dem zunehmend aggressiven politischen Klima der erstarkenden nationalsozialistischen Bewegung zu konterkarieren. Und sie haben das Glück, in Florian David Fitz einen Hauptdarsteller gefunden zu haben, der in der Lage ist, die Ambivalenz zwischen sympathisch-schludrigem Hedonismus und intellektueller Redlichkeit zu verkörpern.

Kästner und der kleine Dienstag basiert auf einer wahren Geschichte. Der Schriftsteller hatte vor allem in seiner frühen Schaffenszeit darunter gelitten, als Kinder- und Jugendbuchautor, und nicht als Verfasser von Büchern für Erwachsene wahrgenommen zu werden. Doch über seinen ersten großen Verkaufserfolg, den Roman Emil und die Detektive, erschienen 1929, kommt Kästner auch an seinen größten Bewunderer: Eines Tages steht der siebenjährige Hans Albrecht Löhr (in seiner unschuldigen kindlichen Klugheit erstaunlich gespielt von Nico Ramon Kleemann) vor seiner Tür und bittet um ein Autogramm. Die beiden werden, auch dank der Beharrlichkeit und Beständigkeit des Jungen, Freunde. Soweit eine Freundschaft eben möglich ist in dieser ungleichen Konstellation.

Hans erkennt mehr in Kästner als den Verfasser eines Kinderbuchbestsellers. Und bringt den Schriftsteller schließlich dazu, ihm eines seiner Gedichte zur Veröffentlichung in der Schülerzeitung zu überlassen. Die andere Möglichkeit entwirft, satirisch überspitzt, ein Deutschland, das den Krieg gewonnen hat (den man erst später den Ersten Weltkrieg nennen sollte), einen selbst besoffenen Militärstaat – genau jenen Staat also, der einige Jahre später Realität werden sollte. "Wenn wir den Krieg gewonnen hätten – zum Glück gewannen wir ihn nicht!", lauten die letzten Zeilen des Gedichts. Als Hans sie auf dem Schulhof stolz seinen Freunden vorliest, haut ein zufällig vorbeigehender Lehrer sie ihm um die Ohren und zerreißt den "ekelhaften, pazifistischen Dreck". Emil und die Detektive wird im Jahr 1931 tatsächlich verfilmt, das Drehbuch, erfährt man ganz nebenbei, habe ein gewisser Billy Wilder (deutsch ausgesprochen!) verfasst. Hans Löhr erhält eine Rolle im Film – die des kleinen Dienstags.

Es gibt gute Gründe für Skepsis gegenüber derartigen Biopics, die noch dazu in die historische Zeit des Nationalsozialismus eingebettet sind. Kästner und der kleine Dienstag ist aber nicht zuletzt deshalb ein so sehenswerter Film, weil er nicht nur wacker seinen Plot heruntererzählt, sondern darüber hinaus geschickt mit Leitmotiven arbeitet. Das stärkste davon ist das Verschwinden. Zunächst sind es die Sicherheiten, die verschwinden, dann die Überzeugungen, schließlich die Menschen. Hans Löhrs Freund Wolfi Stern (Juls Serger) zum Beispiel, ein evangelisch getaufter Halbjude, in dessen durchaus national gesinnter Familie erst langsam die Erkenntnis einsickert, dass die neuen Machthaber sie nicht als Deutsche anerkennen.

Kästner selbst muss zusehen, wie sein Werk vernichtet wird, wie die Nazis seine Bücher verbrennen. Zum Schutz des mittlerweile jugendlichen Hans (Hans Jascha Baum) beendet der verfemte Schriftsteller die Freundschaft. Hans will das nicht akzeptieren und argumentiert mit Kästners eigenen Worten: "An allem Unfug, der passiert, sind nicht etwa nur die schuld, die ihn tun, sondern auch die, die ihn nicht verhindern." Denn Kästner war kein Widerstandskämpfer, sondern schrieb im Dritten Reich unter Pseudonym diverse Drehbücher, die von der Unterhaltungsindustrie des Dritten Reichs verwertet wurden. Unter anderem das zu dem 1942 erschienenen Münchhausen-Film mit Hans Albers in der Hauptrolle.

Bis zum Schluss behält Kästner und der kleine Dienstag seine Ambivalenz, die vor allem in der Diskrepanz zwischen privatem und öffentlichem Widerstand besteht. Es gibt einen Toten, es gibt einen Überlebenden. Was es nicht gibt, ist ein moralisches Urteil.

Kästner und der kleine Dienstag läuft am 21. Dezember 2017 um 20.15 Uhr im Ersten und ist anschließend in der Mediathek abrufbar.