Es könnte eine Geschichte sein, die man so schon viele Male gesehen hat: von Kindern, die es schwer haben, aber dafür viel Talent. Von einem Lehrer, der antritt, um mit ihnen ein scheinbar aussichtsloses Ziel zu erreichen, den Mut zwischendurch verliert und ihn dann rechtzeitig wiederfindet. Die Geschichte, dass ein, zwei Stunden im Rampenlicht diesen Kindern, die es gewohnt sind, vor allem als Problemfälle gesehen zu werden, ein anderes Selbstvertrauen schenkt, ein Vertrauen in die Zukunft, in die eigenen Handlungsmöglichkeiten. Und die dem Zuschauer das angenehme Gefühl gibt, dass es Hoffnung gibt auf dieser Welt, denn wer es will, kann es eben doch schaffen. 

Der französische Film La Mélodie – Der Klang von Paris erzählt genau diese Geschichte. Aber in diesem Film über einen Geigenlehrer an einer Pariser Problemschule ist es, als sähe man sie zum ersten Mal. Wie zwei verschiedene Welten aufeinandertreffen und in dieser Begegnung etwas Neues, sehr Menschliches und fast Zärtliches entsteht, wie gleichgültige Kinderaugen sich in entschlossene verwandeln und erwachsene Skepsis in Offenheit. Warum wirkt das Debüt des erst 32-jährigen Regisseurs Rachid Hami so anders?

Es liegt vor allem an seiner extremen Nüchternheit. Und an der Person, die diese Nüchternheit verkörpert: Kad Merad, den man als Hauptdarsteller aus französischen Komödien wie Willkommen bei den Sch'tis kennt. In La Mélodie ist er nicht wiederzuerkennen. Den Musiker Simon Daoud spielt er mit zurückgenommener Präsenz.

Der Geigenlehrer hält seine Umwelt auf Distanz. Seinen neuen Arbeitsplatz, eine Schule zwischen den Hochhäusern des 19. Arrondissements, betritt er ebenfalls mit einer inneren Abwehrhaltung. Belleville ist ein Stadtteil, vergleichbar vielleicht mit Berlin-Kreuzberg, der inzwischen zwar zu großen Teilen gentrifiziert ist, aber nicht überall, nicht hier, an der U-Bahn-Station Place des Fêtes.

Der Klassenlehrer Farid Brahimi (ebenfalls sehr gut: Samir Guesmi) begrüßt ihn freundlich und stellt ihm die Schüler vor: sehr lebendige Fast-schon-Jugendliche, um die 13 Jahre, in einem Alter, in dem jedes Wort auf eine mögliche sexuelle Konnotation untersucht wird. "Warum haben Sie so eine sexy Glatze?", ist die erste Frage, die Daoud von den Kindern zu hören bekommt. Derartige Albernheiten erträgt der empfindliche Musiker nur schwer. "Wie soll ich mit diesen Schülern innerhalb weniger Monate die Scheherazade von Rimskij-Korsakow so einstudieren, dass sie sie in der Philharmonie spielen können?", ist die einzige, verzweifelte Frage in Daouds Kopf.

Der Regisseur Rachid Hami hat sich für den Film am realen Projekt Démos der Pariser Philharmonie orientiert, das Kindern in schwierigen Stadtteilen Musikinstrumente zur Verfügung stellt. Alle Kinder, die in La Mélodie mitspielen, sind Laiendarsteller, die beim Casting vor Ort in Belleville gefunden wurden – und alle haben, zusammen mit den erwachsenen Hauptdarstellern, für den Film tatsächlich Geigespielen gelernt.

Zu sehen, wie die Kinder dann langsam mit dem Instrument vertraut werden, sich der Geige immer sicherer bedienen, ist extrem berührend. Sie machen sich das prestigereiche Instrument zu eigen, diese Jungen und Mädchen, die es nicht gewohnt sind, zu irgendwelchen Nachmittagsangeboten chauffiert zu werden, die keine ehrgeizige Förderung durch die Eltern erleben. Aber sie sind lern- und wissbegierig, sie wollen Fortschritte machen, sobald sie merken, dass sich jemand für sie interessiert. Und weil die Wände ihrer Wohnungen dünn sind und die Nachbarn keine Freunde quietschender Anfängertöne, üben diese Kinder auf den Dächern der Hochhäuser.