Ging es letzte Woche im Polizeiruf um Lkw-Fahrer, ist das bevorzugte Fortbewegungsmittel des Berliner Tatort: Dein Name sei Harbinger (RBB-Redaktion: Josephine Schröder-Zebralla, Degeto-Redaktion: Birgit Titze) die U-Bahn. Ein Film in den Venen des ÖPNV! Stolz leuchtet das BVG-Gelb der Züge, dunkel ist der Untergrund, und wenn die Kamera von Eva Katharina Bühler im Fahrerkabuff mitfährt, spürt die Betrachterin das Tempo der Großstadt. 

Um es gleich vorweg zu sagen: Dein Name sei Harbinger ist ein großer Tatort in einer an bemerkenswerten Folgen nicht armen Saison. Ein Film, der auf allen Ebenen seines Gemachtseins weiß, was er will und wie er das hinbekommt. Angefangen mit dem Buch von den Werktätigen des Schreibkombinats Kurt Klinke (hier: Michael Comtesse, Matthias Tuchmann), jenem Autorenverbund, der beständig an der Übersetzung von Genremotiven des alten Bahnhofskinos in die Realität des deutschen Fernsehfilms arbeitet und die Faszination für psychopathische Serienkiller in die Koordinaten des ARD-Sonntagabendkrimis überträgt.

Ein Erkennungsmerkmal dieser Filme ist, dass der Zuschauer ordentlich Täterwissen zugeschanzt bekommt. Christoph Bach als Harbinger mit schwitzigem Schnauzbart und abgeranztem Basecap fällt vom ersten Auftritt an als deviante Figur auf. Sein bürgerliches Geschäft ist ein Schlüsseldienst, dessen Filiale aufs herrlichste in die ausgreifende Architektur des U-Bahnknotenpunkts Berlin-Alexanderplatz integriert ist (Szenenbild: Tom Hornig). Nebenher bewegt sich Schlüssel-Män Harbinger aber durch die geheimen Wege und toten Trakte von ÖPNV-Infrastruktur und Stadt, als wäre er ein entfernter Verwandter des legendären Maulwurf-Manns aus Hackney.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Und weil Harbinger mit den Mordtaten, die Karow (schön kurz angebunden: Mark Waschke) und Nina Rubin (hübsch rotzig mitfühlend: Meret Becker) aufklären sollen, in Verbindung steht, wird etwa der Besuch bei der Karow-Rubin-Kollegin Anna Feil (Carolyn Genzkow) zu einem im Tatort selten zu sehenden Glanzstück des Suspense: Das Publikum weiß, dass das kein Handwerker ist, der da an der Tür klingelt, weil angeblich im Untergeschoss Probleme mit dem Wasser herrschen. Und gerade deshalb greift einen die Arglosigkeit an, mit der Anna Feil die Türe öffnet, den Mann hereinbittet, um im Wohnzimmer weiter zu skypen: Das kannst du doch nicht machen, Frau Kommissarsanwärterin! 

Immerhin wird geskypt, auch das ein schönes Detail (Regie: Florian Baxmeyer), denn so kann die Mutter auf dem Screen von Buenos Aires aus sehen, was hinter dem Rücken ihrer Tochter geschieht: dass ein fremder Mann alles Mögliche in dieser Wohnung sucht, nur keine dysfunktionalen Wasseranschlüsse.

Der Fall entwickelt sich als Reise in die Vergangenheit. Zu den Ursprüngen der Reproduktionsmedizin, die in der Kinderwunschklinik Wohlleben bereits in den achtziger Jahren von dem lesbischen Chefinnenpaar (die große Eleonore Weisgerber und die nicht minder große Almut Zilcher) praktiziert wurde. Was immer daran fortschrittlich oder bedenklich war (auf diese Diskussion will der Film höchstens implizit hinaus) – das Projekt der Kinderwunscherfüllerinnen ist hier mit einem größenwahnsinnigen Haken versehen. Bei der Fruchtbarkeitsproduktion wurde nämlich immer auf das Genmaterial der Irene Wohlleben (Zilcher) zurückgegriffen, was biologisch eine Unmenge an einander unbekannten Halbgeschwistern bedeutet.

Diese Konkurrenz führt zum eigentlichen Tatmotiv in Dein Name sei Harbinger. Der offen präsentierte Psychopath wird vom Buch geschickterweise lediglich im Zwischengeschoss der Verantwortung angesiedelt. Er recherchiert die Opfer und führt sie seinem "Legat" genannten Einflüsterer zu, damit der schließlich den Mord besorgen und die Spuren verwischen kann. Ein cleverer Trick, der zeigt, wie mit scheinbar offenen Karten (Harbinger ist die ganze Zeit als Täter präsent) dennoch spannend erzählt werden kann.

Nur Vorbereiter für den wahren Mörder

Und zwar nicht, weil es am Ende doch noch ein anderer war – das gibt es im Tatort ja häufiger und es wirkt zumeist unbefriedigend, weil unmotiviert. Sondern weil die Konstruktion, in der der Wohlleben-Sohn Stefan (Trystan Pütter) den psychisch kranken Harbinger für seine Machenschaften missbraucht, bei der finalen Enthüllung eine existenzielle Pointe bereithält: Stefan Wohlleben schafft seine nichtsahnenden Halbgeschwister aus der Welt, weil er seinen Status, seine Anerkennung als einzig legitimes Kind, durch die ganze Unübersichtlichkeit gefährdet sieht.

Wenn es soweit ist, wenn Karow sich in die Nähe von Harbinger begeben hat, also in das Auge des Orkans, legt sich kontraintuitiv, aber als wiederum überraschende Variation der Standards, eine gewisse Ruhe über den Film. Die Spannung wird gerade in diesen "Eins-zu-Eins-Situationen" (Jogi Löw) nicht auf die Spitze getrieben. Sie rationalisiert sich vielmehr durch das Wissen um die Automatenhaftigkeit, mit der Harbinger seine Mission als Vorbereiter (nicht als Mörder) erfüllt. 

Verfolgungsjagd am Bierpinsel

Es ist ein wenig, als würde der Tatort selbst Luft holen müssen ob der ganzen Dynamik (für die Bühlers Kamera viel leistet), mit der er in die ersten beiden Drittel gegangen ist. Mit der er durch ein spezifisch unwirtliches, unterrepräsentatives Berlin gehastet ist (allein das betoneske Treppenlabyrinth am einzigartigen Bierpinsel, das Karow und Rubin die Verfolgung von Schlüssel-Män Harbinger unmöglich macht!). Props an die Location-Scoutin (Marion Aha).

Zum Ende legt der Film wirkungsvoll die Musik für das eigene Requiem auf, das der Epilog darstellt: das Adagio in g-Moll nach Tomaso Albinoni. Zu dem alten Schmachtklassiker bringt Dein Name sei Harbinger seine verschiedenen Geschichten in kurzen Strichen zu Ende. Und nicht zuletzt kann das wehmütige Moll der Klänge auch gelesen werden als Erinnerung an den Mann, dem der Film mit einem Insert zu Beginn gewidmet ist: "Für Matthias Tuchmann".