In ihrem Smash-Hit Hi Freaks aus dem Jahr 2002 singt die beliebte deutsche Popformation Tocotronic unter anderem: "Was wir sehen, bedeutet nichts/der sogenannte Realismus/fällt nicht weiter ins Gewicht". Poetische Zeilen, gewiss, mit denen freilich in Sachen Tatort unter vielen Zuschauern und Kommentatoren kein Staat zu machen wäre.

Denn der sogenannte Realismus ist neben der Unterhaltsamkeit das wahrscheinlich populärste Kriterium zur Beurteilung des ARD-Sonntagabendkrimis. Wenn man nicht sagen müsste: die Erwartungshaltung oder vielleicht sogar Forderung an den Film, der den Übergang zwischen Wochenende und Wochenanfang ritualisiert.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Dabei ist "Realismus" naturgemäß eine höchstproblematische Kategorie, um Filmen auf die Schliche zu kommen, zu deren Familie der Tatort ja doch irgendwie noch immer gehört – auch wenn seine einzigartige Form Anteile von Talkshow-Diskussion und Tagesschau-Aktualität enthält. Allein, dass fast jeder Mordfall im Fernsehen aufgeklärt werden kann, ist doch zum Beispiel total "unrealistisch".

Erschwerend kommt nun hinzu, dass "realistisch" in unserer Filterblasen-Welt, in der das öffentliche Reden von rechten Debattenfeinden getrollt wird, die Schmallippigkeit der eigenen Ignoranz (wenn nicht: des eigenen Hasses) illustriert. "Realistisch" ist dann in Filmen alles, was das eigene Weltbild bestätigt.

In diesem zweiten Sinne stellt der Tatort: Dunkle Zeit (NDR-Redaktion: Donald Kraemer) die "Realismus"-Aficionados vor ein Problem. Der ARD-Sonntagabendkrimi mit Falke (hatten wir doch erst: Wotan Wilke Möhring) und Grosz (Franziska Weisz) versucht sich als AfD-Paraphrase. Anja Kling zieht als – keine Ähnlichkeit zu realen Charakteren – Nina Schramm, der Führungsfigur einer fiktiven Reaktionären-Partei namens "Neue Patrioten", Morddrohungen auf sich. Ums Leben kommt dann allerdings ihr Mann Richard (Udo Schenk) per Autobombe. Der Verdacht auf Täterschaft verteilt sich zwischen dem machtkämpfenden Führungszirkel der Partei samt angeschlossener Onlinemedien (der beste Witz des Films: die betreffende Internetshow Jane-Austen-haft "Stolz und Vorurteil" zu nennen) sowie eine Gruppe scheinbarer Antifaschisten.

Das Problem für die "Realismus"-Schnappatmer besteht nun darin, dass es einerseits in ihrem Sinne zwar "realistisch" ist, dass mit Nina Schramm ordentlich "Endlich sagt's mal eine"-Text aus dem Fernseher gesprochen wird – etwa in einem genau dafür gedachten Dialog mit Falke. Andererseits kann ihnen der finale, nun ja, Clou kaum schmecken – die angebliche Antifa besteht aus rechten Parteigängern, die das Attentat als Agents Provocateurs verübt haben.

Auf der ersten Ebene des "Realismus" (Ist das im echten Leben auch so?) lässt sich hier immerhin an den Fall des rechtsextremen Bundeswehrsoldaten Franco A. denken, der aktuell angeklagt ist wegen Vorbereitung eines Terroranschlags – den er als angeblicher Flüchtling begehen wollte.

Welterklärer-Floskeln und Buzzwords

Ansonsten aber gibt Dunkle Zeit wenig her, auch wenn Niki Stein (Buch und Regie) spürbar bemüht ist, sich einem vermeintlich brisanten Thema zu widmen. Davon zeugt auch das Grußwort, das der Leiter Film, Familie und Serien beim NDR, Christian Granderath, fürs Presseheft verfasst hat. Unter Aufbietung schönster Welterklärer-Floskeln ("Es geht ein Gespenst um", sic!) ist der Text allerdings eher dafür geeignet zu illustrieren, wie weit neurechte Begriffe ins öffentliche Reden migriert sind – ein von rechts in die Debatte eingeschlepptes Buzzword wie "Völkerwanderung" benutzt Granderath unreflektiert zur Beschreibung der sogenannten Lage.

So hat Dunkle Zeit einen eigenartigen Effekt: Viel mehr als Screentime für jene Leute, die eh dauernd in Talkshows sitzen oder Newsseiten füllen mit kalkulierten Aufregern, kommt nämlich nicht rüber. Dass einem dieser Tatort ein tieferes Verständnis von AfD-ähnlichen Strukturen verschaffte oder auch nur davon, warum verunsicherte Menschen glauben, dass Nationalismus ihre Probleme lösen könnte, lässt sich nicht sagen.

Wie auch, möchte man stöhnen, wo doch die Folge die meiste Zeit mit dem Reenactment ihrer Leitartikel-Vorstellungen beschäftigt ist. Und dabei erzählerisch die kürzesten Wege nimmt. Als es gegen 21.45 Uhr geht und der Fall jetzt aber mal gelöst werden muss, herrscht Falke den beigeordneten Staatsschützer Rutemöller (Nils Dörgeloh) einmal an – und, zack, erzählt der Kollege brisante Details von der Telefonüberwachung des Herrn Schramm, die er eigentlich gar nicht erzählen wollte, sollte, durfte. Solche Leute wünschte man sich bei der Aufklärung des NSU-Komplex. Realistischerweise.