Es ist, als ob ein lange nicht gesehener, früher so schön galliger Freund plötzlich noch mal auftaucht, milde geworden, geläutert, altersweise. Wobei das Missverständnis natürlich schon dabei beginnt, man sei als Zuschauer befreundet mit irgendwem, der im Fernsehen zu sehen ist. Und David Letterman – oder jedenfalls seine Persona als Late-Night-Host Dave – war eigentlich nie dafür bekannt, mit irgendwem gut Freund sein zu wollen. Letterman war der Typ, der drei Jahrzehnte lang, von 1982 bis 2015, werktäglich abends von New York aus ein paar Millionen Amerikaner mit leicht ätzender Ironie und gutgelaunter schlechter Laune ins Bett brachte – statt sie wie sein ewiger Konkurrent Jay Leno aus dem sonnigen Kalifornien sanft in den Schlaf zu labern, so wie es Johnny Carson, der Begründer des Fernsehformats Late-Night-Show, einst getan hatte. Da musste alles gut sein am Ende des Tages.

Bei Letterman war alles eher egal. Weil eh unrettbar. Letterman schien ein grumpy old man zu sein, lange bevor er das eigentlich nötige Alter dafür erreicht hatte. Haben Sie das schon gehört, oh je, grauenhaft, nicht wahr, aber irgendwie auch lustig: Das war Lettermans prinzipielle Witzerzählhaltung. Dann lachte er mit seinen Zuschauern mit, und dass das nicht höhnisch wirkte, hatte vermutlich vor allem mit Lettermans latent spitzbübischen Gesichtsausdruck zu tun und seiner jungenhaften Zahnlücke. Boom, manchmal machte Letterman eine Schlagbewegung, wenn eine Pointe besonders gut saß. Aber es war ja nur Schattenboxen, ein Hieb in die Luft: Zu Lettermans Zeiten schien Comedy eine der Uneigentlichkeit zu sein. Nur selten, etwa nach den Anschlägen des 11. September 2001, wurde Letterman mal wirklich unverstellt ernst.

Seit Donald Trump Präsident ist, hat sich die Late-Night-Comedy verändert. Die neuere, jüngere Generation bringt jeden Abend den Müll runter, der sich im Laufe eines Twitter-Tages mit @realDonaldTrump angesammelt hat: Stephen Colbert, Trevor Noah, Seth Meyers, Jimmy Kimmel und Samantha Bee arbeiten sich mühevoll an dem Mann ab, allein Jimmy Fallon ignoriert ihn einigermaßen und büßt dafür mit Rückgängen seiner Zuschauerzahlen. Comedians zuzuhören, wie sie verzweifelt versuchen, noch neue Witze über Trump zu machen, scheint ein seelenhygienischer Volkssport in den USA geworden zu sein.

David Letterman, der Late-Night-Talker, war nie politisch. Auch wenn man ahnen konnte, dass er im Zweifel eher der Demokratischen Partei zugeneigt sein mochte. Nun sitzt er da, der mittlerweile 70-jährige Rauschebärtige, der vor knapp drei Jahren seine Show aufgegeben und sich aus der Öffentlichkeit weitgehend zurückgezogen hat. Er ist wieder auf einer Bühne in New York und sagt mit leiser Stimme zu dem ihm gegenüber platzierten 44. Präsidenten der Vereinigten Staaten, Barack Obama: "Why wasn't I in Alabama?"

Etwas Feierliches hängt in der Luft

Letterman spricht vom Frühjahr 1965, als friedlich marschierende schwarze Bürgerrechtler von weißen Polizisten niedergeknüppelt wurden auf der Edmund Pettus Bridge in Selma, Alabama. Er, Letterman, geboren in Indiana und 1965 gerade 18 Jahre alt, sei zur selben Zeit in Florida gewesen und habe dort mit Freunden ein Kreuzfahrtschiff bestiegen – um ein paar Tage durchsaufen zu können; auf dem amerikanischen Festland hätten sie das mit unter 21 Jahren nicht gedurft.

Der weiße alte Mann beichtet dem nicht ganz so alten ersten schwarzen Präsidenten eine eigentlich lässliche Jugendsünde: Etwas Feierliches hängt in der Luft bei der ersten von zunächst sechs wöchentlichen Folgen der neuen Netflix-Show mit dem lustig sperrigen Titel My Next Guest Needs No Introduction With David Letterman (Mein nächster Gast braucht keine Vorstellung).

Selbstverständlich wird's auch sentimental

Deren Konzept ist relativ schlicht: Letterman hat je einen berühmten Menschen interviewt, vor einem Publikum, das vorher nicht weiß, wer der Gast sein wird; Kameras laufen mit, und zwischendurch kann es auch mal einen Einspielfilm geben. Der in der Obama-Folge zeigt Letterman auf eben jener Edmund Pettus Bridge in Selma, zusammen mit dem schwarzen Kongressabgeordneten John Lewis, den ein Polizist an jenem "Bloody Sunday" im März 1965 fast tot geprügelt hat.

Ohne Selma hätte es womöglich nie einen Präsidenten Barack Obama gegeben, sagt Lewis zu Letterman in Selma, und vor dem Studiopublikum in New York sagt daraufhin Barack Obama: "Lewis und all die anderen haben mich über die Brücke getragen – sie haben Amerika über diese Brücke getragen." Rassismus, das ist der Subtext des knapp einstündigen Gesprächs, welches im Herbst vergangenen Jahres aufgenommen wurde und Obamas offiziell erster Fernsehauftritt seit Ende seiner Präsidentschaft ist, bleibt die am stärksten schwelende der selbst beigebrachten Wunden Amerikas.