Die Tochter einer alleinerziehenden Sexarbeiterin zu sein, das kann bedeuten: eine vollkommen unbeschwerte und befreite Kindheit zu leben. Dem Regisseur Sean Baker beispielsweise gelingt in seinem neuen Spielfilm The Florida Project, der im März in die deutschen Kinos kommt, die Darstellung einer intakten Mutter-Kind-Beziehung, in der vieles zum Problem gerät, nur der Beruf der Mutter nicht.

Die Tochter einer alleinerziehenden Sexarbeiterin zu sein, das kann in einer weniger originellen, weil nächstliegenden Erzählweise aber auch bedeuten: Vernachlässigung erfahren, durch den Kontakt zu Freiern frühzeitig sexualisiert werden und irgendwie deswegen bereits als Kind einen starken Hang zur Gewalt entwickeln. Für diese Variante hat sich die Regisseurin Laetitia Masson in ihrer dreiteiligen Arte-Serie Ein Engel verschwindet entschieden, die im französischen Original den weniger aufgeladenen Titel Aurore trägt.

Aurore (Mélody Gualteros) ist zu Beginn der Serie zehn Jahre alt, ein verloren wirkendes Kind mit Tüllrock und Walkman, das dem mütterlichen Schlafzimmer nur zu gern entflieht. Der Paravent dient dort eher der symbolischen Trennung zwischen privat und beruflich, und so streunt Aurore durch die trostlose Dünenlandschaft der südfranzösischen Camargue, am hellrosa Wohnkomplex vorbei, der dem aus The Florida Project frappierend ähnlich sieht. Zum Soundtrack von Walk Like An Egyptian – einem der wenigen Hinweise darauf, dass wir uns in den achtziger Jahren befinden – dreht sie selbstvergessene Pirouetten, vielleicht auch, um ihren Hunger zu vergessen. Im Kühlschrank der Mutter stehen nur Bierflaschen.

"Hast du was zu essen?", fragt Aurore beinahe jeden Menschen, der ihr über den Weg läuft. Der kleine Paolo (Mathias Semin) auf dem Spielplatz hat Erdbeerkekse, die er aber nicht teilen möchte. Unter einem Vorwand lotst Aurore ihn und seine Schwester Maya (Ella Brunetto) in ein verlassenes Wohnhaus, Paolo will die Kekse immer noch nicht hergeben, Aurore stürzt sich, der Hunger ist ihr in die Augen geschrieben, auf ihn – und packt ihn einen Moment zu lange an seinem Hals. Kurz darauf schubst sie seinen leblosen Körper ins Sardinenbecken am Hafen. Maya steht daneben, erstarrt, ein Kuscheltier an die Brust geklemmt.

Wie gestalten sich Biografien, deren Verlauf schon so früh, im Kindesalter, eine dermaßen brutale Zäsur erfährt? Wie lässt sich ein Leben weiterführen, dessen Zeitrechnung fortan nur noch vor und nach der Tat, vor und nach dem Verlust kennt? Welche Perspektiven bieten sich einem Mädchen, das bereits mit zehn Jahren als Monster gilt – und dessen Leben von vornherein nicht gerade mit Perspektiven gesegnet ist? Diesen Fragen widmet sich Laetitia Masson, und nach einer etwas zähen Passage der Mordaufklärung, dessen interessantester Aspekt es ist, dass es tatsächlich einmal eine Zeit gab, in der Fingerabdrücke per Fax verschickt und anschließend manuell auf Kongruenz verglichen wurden, katapultiert sie uns ins Jetzt.

Dreißig Jahre später lebt Aurore (Élodie Bouchez) unter neuem Namen in Marseille, arbeitet als Köchin und zieht ihre kleine Tochter Rose (Ambre Hasaj) groß. Maya (Lolita Chammah) hingegen ist in der Camargue geblieben, gemeinsam mit ihrem Vater führt sie einen Pferdehof. Zufällig blättert sie in einer Kneipe durch die Zeitung – und erschrickt. Vor ihr prangt ein Foto Aurores, deren Identität als juvenile Mörderin durch einen Lokalreporter enthüllt wurde. Zeitgleich in Marseille fällt Aurores Blick auf die Zeitung, die der Chef ihr stumm herüberreicht. In der Parallelmontage sehen wir zwei Frauen in Aufruhr, beide setzen sich in Bewegung.