Die Chemie stimmte wohl einfach. Fatih Akins wuchtiger Politthriller Aus dem Nichts hat die Herzen der Mitglieder der Foreign Press Association, die die Golden Globes vergeben, erobert. Die zweitwichtigsten Filmpreise Hollywoods gelten als wichtiges Barometer für die Verleihung der Oscars wenige Wochen später. Nach dem Globe für den besten nicht-englischsprachigen Film ist es sehr wahrscheinlich, dass Aus dem Nichts es von der aktuellen Liste der neun vornominierten in die Auswahl der fünf tatsächlich Nominierten für den "Auslandsoscar" schafft.

Akins NSU-Drama hat die Zeichen der Zeit in allen Facetten perfekt getroffen: Traditionell gehen europäische Filme, die Nationalsozialismus und Antisemitismus thematisieren, bei amerikanischen Preisverleihungen mit einem Bonus ins Rennen: Zu den Oscar-Gewinnern zählten in der Vergangenheit etwa Mephisto von István Szabó, Das Leben ist schön von Roberto Benigni, Die Fälscher von Stefan Rutzowitzky, Son of Saul von László Nemes und zuletzt bei den Golden Globes Michael Hanekes Das weiße Band. Dass in Aus dem Nichts auch noch eine starke, kämpferische  Frau im Zentrum steht, die gegen das Rechtssystem rebelliert, trifft in den Monaten nach der Weinstein-Affäre und der MeToo-Debatte den Nerv der Zeit. Und schließlich brachte Diane Kruger in ihrer ersten deutschsprachigen Rolle auch noch den nötigen Hollywood-Glamour mit.

NSU-Drama - »Aus dem Nichs« gewinnt Golden Globe Der deutsche Regisseur Fatih Akin hat für sein NSU-Drama »Aus dem Nichts« einen Golden Globe gewonnen. Der 44-Jährige wurde mit dem Preis für den besten nicht-englischsprachigen Film geehrt. © Foto: Jordan Strauss/Invision/AP/dpa

Ein politischer Thriller, dessen Fiktion Bezüge zur Wirklichkeit der NSU-Morde hat: Vor allem von deutschen Kritikern wurde Aus dem Nichts nach der Premiere auf dem Filmfestival von Cannes vorwiegend kritisch besprochen. Zu holzschnittartig seien die Figuren, zu brachial das Ende. Traditionell wird auf das Motiv der Lynchjustiz hierzulande viel empfindlicher reagiert als in Amerika, wo nahezu jeder bereit und gerüstet ist, sein Heim und seine Familie mit der Waffe zu verteidigen. Auch eine so unmittelbare Reaktion auf gesellschaftliche Ereignisse und einen noch laufenden Prozess entspricht eher der amerikanischen Herangehensweise. Welcher deutsche Filmemacher würde es wagen, eine sieben Jahre währende Verbrechensserie und vier Jahre Prozess auf gut 100 Minuten Film zu verdichten? Das geht nur, indem man Schneisen schlägt und Verkürzungen wagt. Und es geht natürlich nur auf Kosten der Nuancen, was dann eben auch dazu führt, dass der Staatsanwalt im Prozess gegen das Neonazi-Pärchen völlig unnötigerweise wie ein aufgehetzter Kampfhund agiert. Doch diese Wucht ist typisch für Fatih Akin. Statt alle Wenn und Aber abzuwägen, prescht er impulsiv nach vorne. Durch diese Leidenschaft gab er dem deutschen Kino vor 20 Jahren mit seinem Debütfilm Kurz und schmerzlos einen enormen Energieschub.

Diane Kruger und Fatih Akin posieren mit ihrem Golden Globe für den besten nicht-englischsprachigen Film im Beverly Hilton Hotel. © Jordan Strauss / Invision / AP/dpa

Doch selbst die härtesten Kritiker des Films waren hingerissen von Diane Krugers Spiel, die in ihrer ersten deutschsprachigen Rolle sehr viel verletzlicher wirkt, als man sie aus ihren Hollywood-Rollen kennt, etwa als Helena in Troja oder als Bridget von Hammersmark in Inglorious Basterds. Ganz unmittelbar und direkt lässt sie den Zuschauer hier in die Gefühlswelt einer Frau hinein, deren ganzes Leben zusammen mit ihrem Mann und ihrem Sohn von der Explosion einer Nagelbombe zerrissen wird. Dieses feine Gespür für die Wahrhaftigkeit des Spiels zeichnet Akins Regiearbeiten generell aus. Für Kurz und schmerzlos oder Soul Kitchen brachte er seine Hamburger Kumpels auf die Leinwand, legte mit Gegen die Wand den Grundstein zu Sibel Kekillis internationaler Karriere und bewies in seiner Wolfgang-Herrndorf-Verfilmung Tschick großes Feingefühlmit seinen unerfahrenen Jungschauspielern. Dieses untrügliche Gefühl für Talente und die Sensibilität für seine Darsteller hat vielleicht auch damit zu tun, dass Akin seine Filmkarriere selbst als Schauspieler begonnen hat.

Wie viele seiner Filme handelt auch Auch aus dem Nichts vom Aufeinanderprallen verschiedener Kulturen, dem großen Lebensthema von Fatih Akin, für das er als Sohn türkischer Einwanderer in Deutschland besonders sensibilisiert ist. Der persönliche Bezug und die politisch gesellschaftliche Relevanz sind verlässliche Konstanten in seinem ansonsten sehr vielseitigen Werk. Dem amerikanischen Kino der Leidenschaften ist er damit allemal näher als dem deutschen Wenn-und-aber-Weg. Nach dem Golden Globe für den besten ausländischen Film ist es nun sehr viel wahrscheinlicher geworden, dass er am Ende auch bei den Oscars triumphieren wird.