Oprah Winfrey - »Ein neuer Tag bricht an« Oprah Winfrey wurde bei den Golden Globes für ihr Lebenswerk ausgezeichnet. In ihrer Dankesrede sagte sie, dass sie stolz gegenüber den Frauen sei, die mit ihren persönlichen Geschichten die Debatte über sexuelle Belästigung vorangebracht haben. © Foto: Handout/Reuters

Kann sich Hollywood selbst geißeln und gleichzeitig feiern? Das war die Frage, die sich viele vor dieser 75. Golden-Globes-Verleihung stellten. Die Antwort lautet: Ja, es kann. Der Gastgeber, der Comedian Seth Meyers, sprach die sexuelle Belästigung in Hollywood geradeheraus an: "Guten Abend, meine Damen und Herren!", begann der NBC-Late-Night-Moderator, der zum ersten Mal durch die Jubiläumszeremonie führte. "Es ist 2018. Marihuana ist endlich erlaubt, und sexuelle Belästigung ist es nicht."

Filme und Fernsehserien waren bei dieser Preisverleihung fast schon Nebensache. Während sich die Witze und Ansprachen des letzten Jahres vor allem auf Donald Trump konzentrierten, drehte sich in diesem Jahr alles um sexuelle Belästigung. Hollywood ist dabei, sich zu verändernDie #MeToo-Debatte und die #TimesUp-Initiative dominierten die Veranstaltung. "Die Zeit ist um" war das Credo des Abends.

Frauen wie Männer trugen schwarze Abendgarderobe als Zeichen gegen sexuelle Belästigung und aus Solidarität mit den Opfern. Initiiert hatte den Modeprotest die Initiative Time's Up, ein Rechtsfonds, den 300 einflussreiche Hollywoodakteure ins Leben gerufen hatten, um auf Geschlechterungerechtigkeit und sexuelle Belästigung aufmerksam zu machen und Betroffenen auch außerhalb der Filmbranche zu helfen. Einige Schauspielerinnen kamen gemeinsam mit Aktivistinnen zur Verleihung: Shailene Woodley etwa brachte Calina Lawrence mit, die als Mitglied des uramerikanischen Suquamish-Stammes stellvertretend für alle indigenen Frauen kam.

Laurie Metcalf, Mary J. Blige, Octavia Spencer, Hong Chau und Allison Janney (die für I,Tonya gewann) konkurrierten als beste Nebendarstellerin in einem Drama miteinander, doch durch ihre Kleidung suggerierten sie, dass es diesmal um eine größere Sache ging als einen Wettbewerb. Die fünf Schauspielerinnen trugen Schwarz auf dem roten Teppich, so wie viele andere Stars auch, etwa Sharon Stone, Greta Gerwig, Gal Gadot, Saoirse Ronan und Angelina Jolie. Die einheitliche Farbe sollte zeigen: Wir Frauen in Hollywood halten zusammen. Auch Männer schlossen sich dem Protest an, viele trugen eine Pinnnadel mit dem Time's-Up-Logo. Die Farbe Schwarz dominierte so sehr, dass man die Preisverleihung fast mit einem geschmackvollen Massenbegräbnis hätte verwechseln können – das war sie in gewisser Weise auch.

Buhen bei der Erwähnung Weinsteins

Einige von Hollywoods legendären Titanen fehlten. Kein Louis C. K., kein Kevin Spacey. Jeffrey Tambor, Star der Amazon-Serie Transparent, der für seine Rolle der Transgender-Frau Maura Pfefferman mehrfach ausgezeichnet worden war, blieb fern. Auch gegen ihn waren Vorwürfe der sexuellen Belästigung laut geworden. Auf der Liste der Nominierten fanden sich weder er noch die Serie.

Nominiert wurde hingegen Christopher Plummer (der allerdings leer ausging), der Kevin Spacey in Ridley Scotts Entführungsdrama Alles Geld der Welt ersetzt hatte. Scott hatte kurzfristig alle Szenen mit Spacey aus dem bereits fertigen Film herausgeschnitten, nachdem Vorwürfe sexueller Belästigung gegen den House-of-Cards-Star bekannt geworden waren. "Steht Christopher Plummer zur Verfügung für House of Cards?", wollte Meyers wissen. Gelächter im Publikum.

Casey Affleck nicht eingeladen

Hatte Meryl Streep ihn im Jahr 2012 noch als "Gott" bezeichnet, so war Harvey Weinstein in diesem Jahr Hollywoods Persona non grata schlechthin. "Harvey Weinstein ist der Elefant, der nicht im Raum ist", sagte Seth Meyers, "aber machen Sie sich keine Sorgen, er wird in 20 Jahren zurück sein, wenn er der erste Mensch ist, der beim jährlichen In Memoriam ausgebuht wird." Das Publikum jaulte. "Es wird sich genau so anhören", konterte Meyers.

Auch Casey Affleck war nicht eingeladen worden, obwohl die Tradition eigentlich vorsieht, dass der Vorjahresgewinner im Folgejahr der besten Schauspielerin den Preis übergibt. Afflecks Auszeichnung war damals kritisiert worden, weil zwei ehemalige Kolleginnen ihn der sexuellen Belästigung angeklagt hatten. An seiner Stelle übergaben Susan Sarandon und Geena Davis die goldene Weltkugel an Frances McDormand, die als beste Hauptdarstellerin in einem Drama ausgezeichnet wurde. In Martin McDonaghs Film Three Billboards Outside Ebbing, Missouri spielt sie eine Mutter, die den Mörder ihrer Tochter sucht. "So viele von euch wissen, ich halte meine politischen Einstellungen privat, aber es war wirklich großartig, heute Nacht in diesem Raum zu sein und Teil einer tektonischen Verschiebung in der Machtstruktur unserer Branche zu sein", sagte McDormand in ihrer Dankesrede.