Der alte Mann atmet schwer, sein Gesicht ist mit Pusteln bedeckt. Eine Frau mit Gasmaske und Gummihandschuhen sagt ihm mit tränenerstickter Stimme, er solle loslassen, nicht kämpfen. Dann geht alles ganz schnell: Zwei Männer, ebenfalls mit Gasmasken, laden den Körper auf eine Schubkarre, bringen ihn nach draußen. Kissen über das Gesicht, Schuss in den Kopf, die Leiche mit Benzin übergießen und anzünden – innerhalb weniger Minuten entledigt sich eine Familie hier eines Mitglieds. Der alte Mann war der Großvater.

So beginnt der US-amerikanische Horrorfilm It Comes At Night, und nein: Danach wird es kein bisschen freundlicher, hoffnungsvoller oder wenigstens konventioneller. Auf Twitter gibt es zuhauf Warnungen vor diesem Film, meist von Menschen, die am Wochenende ein bisschen Gruselspaß suchten und das Kino halb traumatisiert verließen.

It Comes At Night geht ganz bildhaft in eine Dunkelheit, die selten so konsequent nihilistisch wie hier  ausgestaltet wird. Die zweite Arbeit des 28-jährigen US-amerikanischen Nachwuchsregisseurs Trey Edward Shults sorgt aber auch unter nervengestählten Horrorfilmfans für Kontroversen. Ausgelöst hat sie ein Artikel im britischen Guardian, dessen Autor in dem Film ein ganz neues Genre erkennt: "post horror". Ob es nun sinnvoll ist, für aktuelle Horrorfilme wie diesen eine neue Schublade zu finden, ist dabei gar nicht das Spannende, sondern, dass das Horrorfilmgenre so lebendig ist wie lange nicht mehr. Das liegt natürlich auch an Kassenerfolgen wie Es oder Split, vor allem aber an der Unterwanderung des Genres durch junge Filmemacher, die es neu aufladen und mit ihren Filmen so persönliche wie relevante Geschichten erzählen. Get Out beispielsweise machte Rassismus zu handfestem Horror und war damit  nicht nur einer der wichtigsten Filme des vergangenen Jahres, sondern auch ein kommerzieller Erfolg.

Bis jemand versucht, die Haustür aufzubrechen

In It Comes At Night geht es nicht, wie der Titel einzuflüstern scheint, um Monster, die nachts erwachen. Der Film zeigt, was Menschen einander antun, wenn die äußeren Umstände schwierig werden. Zu seiner unablässigen Intensität trägt bei, dass diese Umstände nie klar benannt werden. Irgendeine Epidemie sucht die Menschheit heim, eine unheilbare Krankheit, von der eine extreme Ansteckungsgefahr ausgeht. Dass die Zivilisation größtenteils schon zusammengebrochen ist, lässt sich nur vermuten, weil es kein Fernsehen oder Radio, kein Internet und keinen Strom gibt. Auch Lebensmittel und Wasser sind rationiert.

Die Geschichte kennt nur einen Handlungsort: ein Haus in einem Wald, bewohnt von einer Familie.
Vater Paul (Joel Edgerton) führt ein strenges Regiment. Niemand darf allein nach draußen, den Schlüssel zur einzigen Zugangstür trägt er an einer Kette um den Hals. Der 17-jährige Sohn Travis (Kelvin Harrison Jr.) leidet unter grauenhaften Alpträumen. Die Mutter (Carmen Ejogo) spricht seit dem Tod des Großvaters wenig. Eines Nachts weckt Lärm die Familie. Jemand versucht, die Haustür aufzubrechen. Mit Will (Christopher Abbott) dringt das Außen in die kleine Gemeinschaft ein. Der Mann ist ebenfalls Familienvater, er sucht für seine Frau und sein kleines Kind Wasser und Unterschlupf.