Was für ein Auftritt: Ein älterer Mann Mitte 60 schultert ein Kleinkind, stolziert über die Terrasse zur Steilklippe und stürzt sich – das Kind hat er inzwischen abgesetzt – aus Schwindel erregender Höhe elegant in die Tiefen des Meeres. Der Mann ist der Maler Julian Schnabel, das etwa zweijährige Kind sein jüngster Sohn und das Anwesen Schnabels Villa an der Küste Spaniens. Wenn ein antiquierter Begriff wie Malerfürst noch in die heutige Zeit passt, dann zu Schnabel und wie ihn die Eröffnungsszene des Dokumentarfilms Julian Schnabel – A Private Portrait des Regisseurs Pappi Corsicato präsentiert. 

Corsicato zufolge entspricht der berühmte Maler ganz dem Typus des selbstbewussten Künstlerstars. Als Schnabel Mitte der Siebzigerjahre nach New York kommt, inszeniert er sich provokant im Kontrast zu den leiseren, intellektuellen Strömungen der Konzept- und Minimalkunst, die zu jener Zeit die Kunstwelt dominiert, und kündigt großspurig an, in wenigen Jahren ein Star zu sein. So kommt es auch: Bereits mit seiner ersten Soloshow 1979 feiert Schnabel den Durchbruch und verkauft sämtliche Gemälde der Ausstellung noch vor der Eröffnung. Mit Freunden wie Jean-Michel Basquiat zählt er zu den Neo-Expressionisten, die in den Achtzigerjahren den Kunstmarkt umkrempeln. Schnabels Kunst ist nicht leise. Er verarbeitet Scherben, malt auf Seide oder gleich auf Tierhaut und gerne im großen Format. Seine Werke stehen für die neue Farbigkeit und den Pomp der Kunst in den Achtzigerjahren.

Auch privat liebt es der Künstler großformatig. In den jüngsten Jahrzehnten hat Schnabel mehrere luxuriöse Wohnsitze angesammelt, darunter eine alte Parfümfabrik in Manhattan, die er nach und nach zu einem zehn Stockwerke zählenden venezianischen Palazzo in Pink umgebaut hat. Sechs Kinder hat er mit mehreren Frauen, sein Sohn Vito war mit Heidi Klum liiert, die aktuelle Lebensgefährtin des heute 67-Jährigen ist das 35-Jährige Ex-Model May Anderson. Das boulevardblattaffine Leben des Julian Schnabel lässt auch den Regisseur Corsicato manchmal vergessen, sich auf die Kunst zu konzentrieren.

Dabei zeigt der Film den Künstler natürlich auch bei der Arbeit. Wir sehen, wie er seine Großformate mit energetischen Impulsen bearbeitet – in Farbe getauchte Leinen über die Leinwand schlägt oder die Farbe mit den bloßen Händen aufträgt. Das ist durchaus beeindruckend. Wobei Schnabel das Publikum und die Kritik beinahe noch mehr mit seinem filmischen Schaffen überzeugte: 1996 mit dem Spielfilm Basquiat über seinen früh verstorbenen Künstlerfreund, mit Bevor es Nacht wird, Schmetterling und Taucherglocke und Miral. Doch Corsicatos Dokumentation zeigt vor allem viel Prominenz – von Lou Reed über Bono, Willem Dafoe, Laurie Anderson oder Al Pacino bis zu Jeff Koons – und lässt sie immer wieder attestieren, dass Julian Schnabel ein dufter Kumpel, guter Ehemann und Vater ist.

Von Ablehnung oder Reibung ist in dem Film wenig zu sehen. Dabei gibt es die durchaus. So verglich der Kunstkritiker Robert Hughes Schnabels kraftmeierische Arbeit mit Sylvester Stallones "torkelnder Zurschaustellung seiner öligen Brustmuskeln". Doch das Filmprojekt verharrt im Huldvollen. Kaum verwunderlich, denn der Executive Producer des Films ist Schnabel selbst. Am Ende fragt man sich, warum Schnabel seine Biografie nicht gleich selbst gedreht hat.

Man hat sich daran gewöhnt, dass Künstlerbiografien, zumal noch lebender Persönlichkeiten, in der überwiegenden Mehrheit Lobhudeleien sind, ganz im Gegensatz zu Biografien von Politikern oder Unternehmern, denen sich die Macher meist kritisch nähern. Aber Künstler richten in aller Regel nur geringe Kollateralschäden in der Gesellschaft an. Ihnen widmet man sich, weil man ihre Kunst mag und die Dokumentationen bleiben meist Verbeugungen vor einem vermeintlichen Genie. Eine kritische Auseinandersetzung mit der Kunst oder auch nur Widersprüche in der Biografie haben selten Platz. Das ist in filmischen Biografien noch offensichtlicher als in geschriebenen. Schließlich muss sich der Filmemacher mit dem Gegenstand seiner Dokumentation arrangieren, ist auf das Archiv des Künstlers mit Film- und Fotoaufnahmen angewiesen und will nicht zuletzt gemeinsam mit ihm drehen. Dennoch gab es in der jüngeren Filmgeschichte auch gelungene Dokumentationen wie Gerhard Richter – Painting, ein Film, der sich im Gegensatz zu A Private Portrait schon im Titel ganz auf den künstlerischen Akt konzentriert, oder Wer ist Oda Jaune?, wo dieses Arrangement vor der Kamera zu zerbrechen droht und in diesen Momenten der Spannung ganz besondere Qualitäten offenbart.