Dass eine internationale Serie nicht so richtig super ist, erkennt man ja meistens daran, dass man nach dem Betrachten einiger Folgen über sie sagt: Die ist aber trotzdem Lichtjahre besser als fast alles, was dem deutschen Fernsehen einfällt. Immerhin hat man sehr bekannte amerikanische und britische Schauspieler und Schauspielerinnen zu sehen bekommen, zum Beispiel Steve Buscemi und Bryan Cranston (Breaking Bad), Vera Farmiga und Geraldine Chaplin, Greg Kinnear und Richard Madden.

Die Science-Fiction-Serie Philip K. Dick’s Electric Dreams ist im Auftrag des britischen Privatkanals Channel 4 hergestellt worden und soll dort sehr offenkundig als Ersatz für Black Mirror herhalten, eine andere Science-Fiction-Serie, die ursprünglich bei Channel 4 lief. Dann kaufte der US-Streamingdienst Netflix sie dem Sender nach der zweiten Staffel weg und ließ sie weiter produzieren. Mit weltweitem Erfolg. Das Loch im eigenen Zukunftsprogramm füllt Channel 4 nun mit Electric Dreams, worauf wiederum der Netflix-Konkurrent Amazon Prime reagiert hat und sich die Ausstrahlungsrechte für Electric Dreams in vielen Ländern sicherte, darunter Deutschland. Hier sind die zehn Folgen der ersten Staffel ab sofort abrufbar.

Der erste, wichtigste und trivialste Grund, warum Electric Dreams nicht so richtig super ist, lautet: Es ist eben nicht Black Mirror. Auch wenn die Serie ganz ähnlich konzipiert ist, nämlich als Anthologie; die einzelnen Episoden sind also zumindest auf den ersten Blick weder inhaltlich noch personell miteinander verbunden, sondern rund 50 Minuten lange Einzelfilme. Der große Unterschied zu Black Mirror aber ist, dass Electric Dreams nicht grundsätzlich neu erdacht wurde, um aktuelle Zukunftsängste zu thematisieren. Stattdessen basieren alle Folgen auf mitunter sechs Jahrzehnte alten Kurzgeschichten des titelgebenden Schriftstellers Philip K. Dick, der bedauerlicherweise 1982 bereits gestorben ist.

Dicks Romane und Stories wurden zwar für einige der besten und klügsten Science-Fiction-Filme als Vorlagen benutzt, darunter Blade Runner, Minority Report und Total Recall. Amazon selbst hatte zuletzt Dicks Was-wenn-die-Nazis-den-Krieg-gewonnen-hätten-Buch The Man in the High Castle in eine Art Vintage-Serie für Freunde alternativer Geschichtsverläufe umgestrickt. Die Zeit und die Welt jedoch haben selbst die universelleren Dystopien dieses wohl bedeutendsten Sci-Fi-Autors des 20. Jahrhunderts schon sehr lange überlebt. Der Dick-Trick funktioniert heute nur noch, wenn man dessen Themen und Motive auf den jeweiligen Kern reduziert und an die Zukunftserzählungen unserer Gegenwart anpasst. Sonst verliert sich alles in den unendlichen Weiten der Urängste.

So geschieht das etwa in der Electric Dreams-Folge Impossible Planet sehr bildlich, im Weltraum: Eine fast 300 Jahre alte Greisin aus einer unbestimmten Zukunft möchte die Erde sehen, bevor sie stirbt. Also engagieren sie und ihr Begleitroboter die beiden Piloten eines All-Traumschiffs, um sie zum Ursprungsplaneten der Menschen zu fliegen. Was die Alte nicht weiß, die Jungen aber schon: Die Erde existiert gar nicht mehr, sie wurde vor Jahrhunderten evakuiert. Die Piloten starten trotzdem, sie können das Geld gut gebrauchen und der Frau notfalls irgendeinen anderen halbwegs blauen Planeten als Erde verkaufen.

Geraldine Chaplin spielt diese Frau sehr zart und zerbrechlich, und das Drehbuch und die Regie von David Farr (der zuletzt John le Carré adaptierte für die tolle Miniserie The Night Manager) schenken ihr auch ein paar poetische Szenen. Doch Vorstellungen übers Menschsein in der Zukunft entwickelt diese Episode exakt keine, außer dass unsere Nachfahren künftig wohl sehr viel älter werden, als es uns vergönnt sein wird. Und gedreht wurde das Ganze in einer Szenerie, die wie ein vergessenes Raumschiff-Fernsehset aus den siebziger Jahren wirkt. Da schaut man sich lieber noch mal das Pappmaché-Musikvideo von Metronomys I'm Aquarius an, das macht aus ähnlichen Bedingungen mehr und erzählt in vier Minuten Musik fast genauso viel.

In direkte Konkurrenz zu Black Mirror, deren sehr gute vierte Staffel seit zwei Wochen bei Netflix zu sehen ist, setzt sich Electric Dreams bei der Folge Real Life. Was ist die Wirklichkeit, was womöglich nur eine Simulation? Diese ewig nervtötend verunsichernde Frage wird da am Beispiel zweier Figuren durchgespielt, die in zwei Welten und Zeitebenen leben, sich aber ein Bewusstsein teilen. Ist nun der schwarze heterosexuelle Mann (Terrence Howard) echt, der in einer cleanen Gegenwartsblase wohnt, oder die weiße lesbische Frau (Sarah Paquin), die in einer fürs Fernsehen ganz gut nachgestellten Blade Runner-Neon-Zukunft haust? Die zwei springen ins Leben des je anderen per Virtual Reality, die Frau ist glücklich, spürt sich aber nicht, der Mann ist unglücklich und will seiner Trauer entfliehen. Das ist psychologisch ungefähr so tief wie eine Tasse Yogi-Tee.