Würde man die Musik der ZDF-Saga Tannbach, deren vierten, fünften und sechsten Teil der Sender nun ausstrahlt, in freier Wildbahn wiedererkennen? Also ohne die Schrift und ohne die Bilder vom nach 1945 geteilten Dorf auf der Grenze zwischen Ost und West, zwischen Thüringen und Bayern? Eine Musik, die fast permanent unter dem Film liegt, um auf Drama, Gefahr und andere Stimmungen aufmerksam zu machen – die marschieren kann und schwelgen, mal dramatisch dröhnt und mal unheilvoll fiedelt, die ein bisschen traurig, aber auch ein bisschen hoffnungsvoll-versöhnlich tönt?

Eher nicht. Die Musik von Tannbach (Fabian Römer) ist nicht charakteristisch genug, dass man sich in zehn Jahren noch in Quizshows an sie erinnert und zu uninteressant, um sich fürs Sampeln im Vorspann einer in 20 Jahren zeitgemäßen Late-Night-Sendung zu empfehlen. Sie hört sich an wie eine Untermalung, die aus den Spielszenen von ZDF-Geschichtssendungen übrig geblieben ist. Die Musik ist da, aber sie will auch nicht stören. Und ist damit Sinnbild der ganzen Saga.

Größe behauptet Tannbach vor allem durch Länge. Endete Teil drei zu Beginn der Fünfzigerjahre, ziehen die wiederum jeweils neunzigminütigen Folgen vier, fünf und sechs die Geschichte des durch die Nachkriegsordnung geteilten Dorfs und seiner Bewohner nun über die Sechzigerjahre.

Es ist einiges los. Der Vorspann listet allein Namen von 15 Hauptpersonen auf, die bekannte Gesichter des deutschen Fernsehfilms tragen: Henriette Confurius, Heiner Lauterbach, Anna Loos, Martina Gedeck, Jonas Nay, Clemens Schick, Robert Stadlober, Rainer Bock, Alexander Held, Johanna Bittenbinder, Mercedes Müller, Jonathan Berlin, Florian Brückner, Eli Wasserscheid, Maximilian Brückner.

Walter-Ulbricht-Zitate werden aufgesagt

Diese Personen sollen gemeinsam mit weiteren Figuren deutsche Geschichte erzählen. Das geteilte Dorf steht für die beiden deutschen Staaten, weshalb dauernd bekannte Sätze, Ereignisse (Mauerbau, Prager Frühling) und Motive der Zeitgeschichte (Kollektivierung, Heimerziehung, Popmusik) vorkommen.

Die große Geschichte, die in Historiensendungen als Potpourri kompiliert ist, wird hier in der Dorfgemeinschaft aufgesagt. Es gibt tatsächlich ein Mädchen, das das drollige Walter-Ulbricht-Zitat über Popmusik auswendig kann: "Mit der Monotonie des Yeah-yeah-yeah und wie das alles heißt, sollte man Schluss machen." So ist jede Figur früher oder später Träger einer Referenz, die das Publikum vorm Bildschirm schon kennt und abhaken könnte. Deutsches Zeitgeschichtsbingo.

Für Filmfiguren ist das ein hartes Los, weil die sich, wenn sie mit eigenem Leben erfüllt sein sollen, mit Alltag und Familie für gewöhnlich nicht in Zitaten verständigen. Oder in Sätzen, die im Nachhinein Geschichte komprimieren. Dazu kommt ein demokratischer Schematismus in der Verteilung von Text und Screentime, der eine hübsche Pointe auf die Zeit nach 1945 ist (das Ensemble regiert, es gibt kein Oben und kein Unten in der Figurenkonstellation).

Dieser Schematismus nivelliert aber alles, was konventionelle filmische Erzählungen ausmacht: Es wäre für die Zuschauerin vermutlich schwierig, zu irgendeiner Figur ein inniges Verhältnis aufzubauen. Alle haben Probleme, mit denen es jedes Mal ein bisschen weitergeht, wenn die jeweilige Figur wieder für eine Szene lang dran ist. Mit einer Entwicklung, an der einem teilzuhaben gestattet wäre, hat das nichts zu tun.