Der Dresdner Tatort hat es gerade nicht leicht. Hauptdarstellerin Alwara Höfels hat ihren Rückzug erklärt, die aktuelle Folge Déjà-vu (MDR-Redaktion: Sven Döbler) wird ihre vorletzte sein. Als Gründe führte die Schauspielerin an: "unterschiedliche Auffassungen zum Arbeitsprozess und ein fehlender künstlerischer Konsens". Ralf Husmann ist ebenfalls nicht mehr dabei, der Drehbuchautor, der den Schauplatz erfunden und etwa die erste, recht muntere Folge Auf einen Schlag geschrieben hatte.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht" © Daniel Seiffert

Der Comedy-Autor Husmann (Stromberg) erklärte seinen Schritt wie folgt: "Ich hatte den Eindruck, dass es inzwischen in Richtung eines ganz konventionellen Krimis geht. Und das könnten andere Leute dann wesentlich besser. Das finde ich völlig okay, aber es ist eben nicht meine Kernkompetenz." Diese Aussage ist vor dem Hintergrund der neuen Folge nicht ohne Ironie. Denn Déjà-vu ist, das lässt sich schwer bestreiten, alles andere als eine Komödie. Im Gegenteil: Es geht um das Empathie pushende Thema Kindesmissbrauch. Und damit nicht genug: Die Sache mit der Empathie wird noch einmal verstärkt, weil der Fall die Ermittler mitnimmt. Henni Sieland (Höfels) muss sich übergeben, als die Leiche des toten Rico gefunden wird, der Gerichtsmediziner Lammert (Peter Trabner) ist gereizt und Revierchef Schnabel (Martin Brambach) hält noch am Fundort der Leiche eine Brandrede an die Arbeitsmoral; in einer Pressekonferenz wird er später noch beklagen, dass ihm Gesetze die Arbeit erschweren.

Ein hoch emotionales Thema wird also hoch emotionalisiert, was durch die betont einfühlsamen Musik (Dürbeck & Dohmen) noch unterstützt wird. Das ist ein Punkt, den man bei diesem Tatort kritisch einwenden könnte. Denn die Emotionalisierung des Films ist ja weniger auf Wirklichkeitsabbildung aus als auf den Angriff auf die Gefühle der Zuschauerin. Das macht Déjà-vu relativ hemmungslos.

Der Tatort ist aber dennoch, und jetzt kommt die Ironie, ziemlich gelungen. Die beste Dresdner Folge (neben, vor oder nach der ersten – da könnte man sich jetzt streiten), weil spannender und plausibler erzählt als die meisten ARD-Sonntagabendkrimis.

Alwara Höfels wird uns jetzt schon fehlen

Und das hat auch damit zu tun, dass die Dialoge gerade zwischen den Ermittlerinnen nicht nur aus dem Stehsatz der Publikumsinformation kommen, sondern integriert wirken in die Sprechweisen und Rollenbilder von Sieland, Gorniak, Schnabel. Dass der Text also glaubhaft angeeignet ist von Figuren, denen man in ihren verschiedenen Eigenheiten gern zuschaut. Und da wären wir auch bei Alwara Höfels, die uns jetzt schon fehlen wird.

Déjà-vu ist einerseits der konventionelle Krimi, den Husmann nicht schreiben will und kann (Drehbuch: Mark Monheim, Stephan Wagner). Andererseits variiert er den, wenn es ihn gibt, klassischen Tatort-Aufbau aber doch. So kommt der spätere Täter im eigentlich doch ermittlerbasierten Krimi schon früh ins Spiel, ohne dass man sofort im Bilde wäre, was diese Figur jetzt soll. Und dass es am Ende so spannend werden kann.

Der Wasseruhren-Wechsler René Zernitz (Benjamin Lillie) wird über seine Freundin Jennifer Wolf (Alice Dwyer) eingeführt – als Paar mit Liebessorgen, deren Grund sich erst am Ende enthüllt (dass nämlich sie um seine Päderastie weiß). Wenn Wolf als Schulamtsmitarbeiterin dann hinter der Denunziation eines Schwimmlehrers auftaucht, der vor Jahren ein Verhältnis mit einem Schüler hatte, schiebt sich der Fall langsam zusammen. Und die Offenheit, mit der das erzählt wird, lässt die Ahnung zu, dass Wolf nicht aus öffentlichem, sondern sehr persönlichem Interesse gehandelt hat – um den Verdacht nicht erst auf ihren Freund René fallen zu lassen.

Solche Momente sind rar in gewöhnlich schematischen Tatort-Folgen. In Déjà-vu finden sie sich auch in den – zumeist pflichtschuldig nervenden – Szenen aus dem Privatleben der Ermittler. Da wird mit wenigen Strichen die Unentschiedenheit Gorniaks sichtbar, ob und wann sie ihr Verhältnis mit ihrem Nachbar Nick (Sebastian Zimmler) dem Sohn Aaron (Alessandro Schuster) mitteilen soll.


Aus der behutsamen Erzählweise (Regie: Dustin Loose, Kamera: Clemens Baumeister) resultiert der aufregende Schluss: Der Zuschauer sieht schon, was die Polizei nur ahnt (dass es um die Verhinderung eines weiteren Verbrechens geht) und fiebert der Ankunft der Kavallerie entgegen. Ob Dresden ursprünglich komisch angelegt war, kann einem da schnurz sein.