Wenn das kein stolzes Jubiläum ist: Bausünden (WDR-Redaktion: Götz Bolten) geht in die Geschichtsbücher ein als die 71. Folge mit den Kommissaren Ballauf (Klaus J. Behrendt) und "Fab Five Freddy" Schenk (Dietmar Bär) in Köln. Das existiert in dieser Form nun 20 Jahre, länger gibt es nur das "Ivo und Franz"-München und Lena Odenthal in Ludwigshafen.

Start für Ballauf und Schenk war im Oktober 1997 mit Willkommen in Köln. Und ARD-Sonntagabendkrimi-Aficionados werden es womöglich als Reminiszenz feiern, dass damals wie heute die Kameraeinstellung zu Beginn schwungvoll erst mal ein Hotel als Ort des Geschehens etabliert. Was in Bausünden allerdings noch stärker fasziniert, ist die puffy Musik, die zu den Bildern läuft.

Und noch ehe die dynamisch geschnittene, umstandslos ineinander übergleitende Bilderfolge (Schnitt: Dagmar Lichius, Kamera: Daniel Koppelkamm) ratzfatz von der Lobby über Exzessreste auf dem Zimmer im Sex unter Dusche beim Höhepunkt angekommen ist, verrät ein Credit, dass Klaus Doldinger für die Musik verantwortlich ist.

Klaus Doldinger! Die alte Jazz-Legende, der Passport-Gründer, das beliebte Gema-Aufsichtsratsmitglied. Vor allem aber: der Komponist von Titelmelodien, die so eingängig sind, das man sie sofort im Ohr hat, wenn man den Namen des Films, der Reihe oder auch Serie nur liest: Das Boot. Ein Fall für zwei. Liebling Kreuzberg. Und noch mal vor allem aber: Tatort.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Bei Bausünden liegt der Fall nun etwas anders, da wird schon eine halbe Stunde nach Sendeschluss kein Mensch mehr die Musik im Ohr haben. Doldinger, der alte Fuchs, hat einen Soundtrack zurechtgezimmert, der so unspezifisch klingt wie die Architektur des Hotels, das in diesem Tatort immer wieder aufgesucht wird.

Vielleicht hat Doldinger auch nur etwas rausgekramt von früher – die nostalgisch veranlagten Teile des Publikums dürften selig sein über den Sound einer Zeit vor dem großen Hype, als der Tatort noch weniger engagiert diskutiert wurde und good old Manne Krug mit Charles "Brocki" Brauer ein Traumpaar im Goldenen Herbst seines Ermittlerdaseins bildete. 

Es hilft jedenfalls, Bausünde als Wiederaufführung einer angejahrten Ambitionslosigkeit zu betrachten. Denn das macht aus diesem Kölner Tatort ein fast konzeptkunsthaftes Projekt – bis hin zu jener kleinen Herbert-Reinecker-Anspielung (Der Kommissar, Derrick), wenn ein junger Stutzer auf die Überbringung der Todesnachricht mit dem wiederholten Aussprechen derselben reagiert: "Soundso ist tot." – "Tot?"