Die Antwort auf alle Fragen liefert: Österreich. Idealer als den Wiener Tatort: Die Faust (ORF-Redaktion: Bernhard Natschläger, Andrea Zulehner) kann man sich den legendär beliebten und heiß diskutierten ARD-Sonntagabendkrimi gar nicht denken. Die Standardausstattung (Spannung, "Thema") kommt genauso wenig zu kurz wie das, was das Gucken angenehmer macht (Witz, Angestelltennöte).

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Dabei bewegt sich dieser Tatort in routiniertem Rhythmus. Die Faust ist keine Folge, die davon profitiert, Ausnahme zu sein von der Regel der Verdächtigencheckung und Täterermittlung. Die Zuschauerin weiß auch nicht mehr als die Polizei, die Kommissare sind präsent, Menschen werden befragt.

Der Eisner (Harald Krassnitzer) und die Bibi (Adele Neuhauser) ermitteln in einem Fall, der anfangs wie Serienmord aussieht, zwischendurch zu einer Geheimdienstoperation wird, um am Ende doch schön offen irgendwas dazwischen gewesen zu sein. Nenad "Nikola" Ljubic (Mišel Matičević), der nun als Universitätsprofessor in Wien seinen bürgerlichen Lebensstil pflegt, war vorher eine Art Lehrer der Revolution. Er hat Milosevic in Serbien mitgestürzt, heißt es zur Erklärung, und daraus ein Franchise-Unternehmen machen wollen, einen Know-how-Export, ein Ausbildungszentrum, das Techniken zum Diktatorensturz in alle Welt verbreitet – unter anderem nach Georgien und in die Ukraine, unterstützt allerdings von den Interessen des amerikanischen Geheimdiensts.

Das Rätsel handelt also davon, ob der "Nikola" seine drei Revolutionseleven Serbien-Duran (Faris Endris Rahoma), Georgien-Davit (Sebastian Pass) und Ukraine-Maria (Larissa Fuchs) entweder in einer CIA-Mission umgebracht hat. Oder aus privater Sorge um den Lebensstil, der vermutlich futsch wäre nach einer Veröffentlichung der drei darüber, wie Machtwechsel wirklich gehen. Oder aus Lust am Serienmorden, die mit der Zeit gekommen ist.

Man weiß es auch zum Schluss nicht genau, aber das Pendeln zwischen den Motiven erhöht die Spannung. Gerade weil man dem Eisner und der Bibi dabei zusehen kann, wie sie sich einen Reim auf die Sache machen wollen. Was Die Faust ziemlich genau zeigt, ist Ermittlungsarbeit. Und zwar als Arbeit. Als Überlegen, Verwerfen, Neudenken.

Und als soziale Interaktion. Einmal sagt der Eisner, als etwas rausgefunden ist: "Gute Arbeit, wir sehen uns morgen", und dann ist tatsächlich mal Feierabend im Büro, um den sich ARD-Sonntagabendkrimis selten scheren, und in der nächsten Szene kommt die Bibi und legt ihren Mantel ab, weil ein neuer Tag begonnen hat. Eine Kleinigkeit, aber eine hübsche.

Ein andermal streiten der Eisner und die Bibi darüber, ob für den Einsatz bei einem letztlich harmlos Verdächtigen das Sonderkommando nötig gewesen wäre. Und dieser Streit, die Diskussion, geht über zwei Sätze hinaus, fast so weit, dass man denken könnte, der Eisner habe sich verrannt, jetzt ist doch mal gut. Aber auch diese Szenen zeigen nur, wie ernst der Tatort (Drehbuch: Mischa Zickler, Regie: Christopher Schier) die Arbeit nimmt. Und seine Figuren, weil natürlich sich in dem Streit (Eisner: war schon nach den Anweisungen, Bibi: hätte nicht sein müssen) etwas über die Verschiedenheit der beiden erzählt auf beiläufige Weise.