Ich traf Tommy Wiseau einmal in einem Kino in San Francisco. Es war Mitternacht und sein Film The Room sollte gleich anfangen. Als der Film im Juni 2003 herauskam, lief er gerade mal in zwei Kinos in L.A. und spielte angeblich nur 1.800 Dollar ein. Doch schon die letzte reguläre Vorstellung wurde zum Happening begeisterter Fans, die The Room als "Citizen Kane der schlechten Filme" rühmten. Seither haben Comedians und Schauspieler Privatvorstellungen organisiert, Serienmacher Anspielungen auf den Film in die Handlung ihrer Geschichten eingebaut, Musiker Popsongs über ihn geschrieben. Filmzitate wie "Oh, hi Mark" oder "Anyway, how's your sex life?" sind im Referenzschatz urbaner Mittdreißiger fest verankert.

Wiseau erkannte schnell, wie er aus seinem Misserfolg Profit ziehen konnte und organisiert seit 2004 selbst Kinovorführungen – die Fans verbanden sie nach dem Vorbild der Rocky Horror Picture Show mit Kostümen, Publikumsbeteiligung und vielen, vielen Löffeln (dazu später mehr). Auch an dem Abend, als ich ihn kennenlernte, verkaufte dieser Mann mit dem pechschwarzen Haar, der schwarzen Lederhose und Heino-Sonnenbrille T-Shirts, schüttelte Hände, posierte mit Fans. Ich sprach kurz mit ihm, dankte ihm, schon leicht beschwipst, für seinen wunderbaren Film. "Yes, is classic comedy", entgegnete er in seinem leicht polnisch gefärbten Englisch.

Als sich die Lichter senkten und die ersten Einstellungen liefen, war Wiseau verschwunden und tauchte erst nach dem Abspann wieder auf. So sehr er sich bemühte, so zu tun, als verstünde er, warum alle hier johlten, lachten, bis ihnen die Tränen kamen und Plastiklöffel in die Luft warfen (dazu später wirklich mehr), blieb er eine Randfigur seines eigenen Spektakels. Die Tragik dieses Mannes lag darin, dass er für etwas gefeiert wurde, was er so nie gemeint hatte.   

Ich musste an diese Begegnung denken, als James Franco vor wenigen Wochen bei den Golden Globes als bester Darsteller in einer Komödie ausgezeichnet wurde – für seine Rolle als Tommy Wiseau in The Disaster Artist, dem Film über die Entstehung von The Room. Der Schauspieler holte für seine Laudation Wiseau auf die Bühne, doch als dieser sich das Mikrofon schnappen und den Preis gleichsam für sich annehmen wollte, wehrte Franco ihn ab. Wieder einmal stand Wiseau ungelenk herum, während andere sich über seine Schöpfung amüsierten.

Er tat mir leid in diesem Moment, in dem seine kühnsten Träume brutal persifliert wurden: Er wurde für seinen Misserfolg als spektakulär erfolgloser Schauspieler gefeiert, während der Mann neben ihm, Franco, sich gerade auf dem Zenit seines Ruhms befand. Man könnte es natürlich auch von einer anderen Perspektive aus betrachten: Einer der wohl schlechtesten Schauspieler aller Zeiten ließ sich auf der Bühne der Golden Globes von ganz Hollywood beklatschen. Letztlich ist Wiseau reich geworden an Menschen, die sich über ihn lustig machten.

Leidenschaft und Inkompetenz

Was aber macht seinen The Room so einzigartig unter den vielen schlechten Produktionen, die in Hollywood auf den Markt kommen? Man spürt in jeder Szene die Leidenschaft des Regisseurs, sein brennendes Verlangen nach Mitteilung. Gepaart mit seiner nicht minder großen Inkompetenz schlagen diese Ambitionen in Komik um. Shitty Miracles hat der Filmkritiker Nathan Rabin Werke genannt, in denen Ernsthaftigkeit und Unfähigkeit aufeinandertreffen. Und bei denen wir uns ehrlich ergriffen fragen müssen, wie zum Teufel DAS denn zustande gekommen ist.

Plan 9 From Outer Space ist so ein Film, er stammt von dem wohl berühmtesten Disaster Artist Hollywoods, dem Regisseur Ed Wood (dessen Schicksal übrigens auch schon verfilmt wurde, 1994 von Tim Burton mit Johnny Depp in der Hauptrolle). The Room gewährt einen ähnlich intimen Blick in die wirre Psyche seines Schöpfer wie Plan 9 From Outer Space. Ed Woods Interessen waren zwar auch idiosynkratisch und verschroben, allerdings wusste er zumindest, wovon er erzählen wollte. The Room wirkt hingegen wie von Aliens gemacht, die zwar begriffen haben, wie man eine Kamera bedient, sich aber noch nie mit einem Menschen unterhalten haben.

"Don't worry about it"

Der Film ist im Grunde eine Dreiecksgeschichte zwischen dem erfolgreichen Banker Johnny (Wiseau), seiner Freundin Lisa (Juliette Danielle) und Mark (Greg Sestero). Der ist Johnnys bester Freund und muss das auch in jeder Szene sagen. Es tauchen noch viele merkwürdige Nebenfiguren auf, die allesamt nicht wirklich konsistent sind. Der titelgebende Room ist wohl eines der beiden mickrigen Zimmer von Johnnys angeblich so luxuriöser Wohnung.

The Room ist nicht nur handwerklich miserabel, billig gemacht (obwohl er Branchenberichten zufolge sechs Millionen US-Dollar gekostet hat) und unterirdisch gespielt. Es gibt zahllose logische Brüche, Zeit und Raum schlagen Pirouetten. Eine Figur erklärt, sie habe Brustkrebs, doch im Laufe der Handlung kommt die Krankheit nie wieder zur Sprache. Die Hauptfigur beginnt fast jeden Dialog mit "Oh, hi!" und gefühlt jede dritte Drehbuchzeile lautet "Don't worry about it!" The Room ist ein Autorenfilm, der Tiefschürfendes über Freundschaft, Liebe und amerikanische Männlichkeit aussagen will, geschrieben von einem Mann, der von Freundschaft, Liebe und Amerika keinen Schimmer hat und der seine Ästhetik an alten Folgen von Melrose Place geschult haben muss.