"Am Anfang hat man uns als Abschaum und Pack verhöhnt. Aber wo sind die Zweifler jetzt?", tönt es aus dem Fernsehgerät, als die Lehrerin Sarah Schneider (Maria Simon) gerade Arbeiten korrigiert. Ein vornamensloser deutscher Kanzler namens Meyer hält diese Rede, er steht auf dem "Platz der Befreiung". "Nieder mit den Faschisten!", ruft in einem weiteren Nachrichtenbeitrag eine Journalistin der fiktiven Süddeutschen Tagespost. Sie und weitere Kollegen der letzten unabhängigen Zeitung des Landes werden gerade abtransportiert aus dem Keller des Redaktionsgebäudes, in dem sie sich versteckt haben. Sarah ist nervös, weil sie ihren Mann Jan (Fabian Busch), einen Anwalt für Regimeopfer, nicht erreichen kann. Die Kamera schwenkt kurz auf die Straße. Zu sehen ist ein Parteiplakat von Kanzler Meyer, es erinnert an Werbung für eine Elektrofachmarktkette.

Dieser Prolog des ARD-Films Aufbruch ins Ungewisse soll nachvollziehbar machen, warum Sarah und Jan mit ihren beiden Kindern noch in derselben Nacht aus einem totalitären Deutschland fliehen werden. Weil nicht nur dort, sondern auch in zahlreichen anderen europäischen Ländern Rechtsextreme an der Macht sind, zieht es die Familie nach Südafrika, wo in der hier skizzierten Zukunft Demokratie und Wohlstand blühen.

2014 entstand die Idee für diesen dystopischen Film, und seitdem hat sich die Realität in Europa der Fiktion angenähert. In Deutschland sitzt eine Partei mit rechtsextremen Mitgliedern im Bundestag, in Österreich ist die FPÖ Mitglied der Regierung, Polen hat die Medienfreiheit und die Unabhängigkeit der Justiz eingeschränkt, Ungarn ist de facto eine Autokratie.

Zwischen angespülten Leichen am Strand

Das Genre Science-Fiction spielt im deutschen TV-Film seit Jahrzehnten keine Rolle mehr. Insofern kann man der ARD anrechnen, dass sie hier immerhin einen ungewöhnlichen Ansatz ausprobiert hat. Der Großteil der Handlung von Aufbruch ins Ungewisse, inszeniert von Kai Wessel, spielt sich in einem Flüchtlingslager in Südafrika ab, in dem die Schneiders auf ihr Asylverfahren warten.

Vorher sieht das Publikum, was es in Nachrichtenbeiträgen und Reportagen schon oft gesehen hat – nur eben unter anderen Vorzeichen: Die Schneiders kentern mit einem überfüllten kleinen Schlauchboot, sie irren an einem Strand zwischen angespülten Leichen umher und drohen in einem überfüllten Truck im Niemandsland zwischen Namibia und Südafrika zu verdursten oder zu ersticken. Mal weckt Regisseur Wessel Erinnerungen an das Foto des toten syrischen Jungen an einem türkischen Strand, mal an den Massentod von Geflüchteten in einem Transporter in Österreich.

Dass in Deutschland ein totalitäres System drohe, sei "nicht die These des Films", sagte der WDR-Programmdirektor und ARD-Fernsehfilm-Koordinator Jörg Schönenborn, den die meisten Zuschauerinnen und Zuschauer als Mann der Zahlen aus den Wahlsendungen des Ersten kennen, kürzlich bei einer Pressekonferenz des Senderverbunds. Aufbruch ins Ungewisse trage vielmehr dazu bei, dass man sich besser in die Situation von Flüchtenden hineinversetzen könne. Jedenfalls sei ihm das so gegangen, als er den Film gesehen habe.

Gefangen im TV-Drama-Sprachkorsett

Während es dem Film auf bildlicher Ebene mitunter durchaus gelingt, die Verzweiflung der Frauen und Männer greifbar zu machen (Kamera: Nicolay Gutscher), lässt sich das für die Dialoge nicht sagen. Insgesamt haben am Drehbuch gleich drei Parteien mitgewirkt. Die erste Fassung stammt von Eva und Volker A. Zahn, die für Das Leben danach, eine fiktionale Aufbereitung der Love-Parade-Katastrophe von Duisburg, gerade für einen Grimme-Preis in der Kategorie Fiktion nominiert wurden. Danach bearbeitete die Regisseurin und Autorin Gabriela Zerhau (Jeder Tag zählt, Tannbach) das Buch und schließlich kam mit Astrid Ströher (Polizeiruf 110 – Nachtdienst, Im Tunnel) die dritte Bearbeiterin zum Einsatz.

Eva Zahn hat gerade in einem Interview über den leidvollen Arbeitsalltag von Drehbuchautorinnen gesprochen: "Man vertraut uns und unserer Vision von einer Story oft nicht." Das Drehbuch werde "nicht als eigenständiges schöpferisches Werk gesehen, sondern als Verhandlungsmasse, manchmal als Beutestück, viele Besprechungen ähneln einem Wunschkonzert der Beteiligten". Das Interview ist Teil einer derzeitigen Offensive von Drehbuchautoren, sie kritisieren, dass sowohl die Redakteure und Redakteurinnen in den hiesigen Sendern als auch die Öffentlichkeit ihre Arbeit nicht wertschätzten.