Verlieren Sie langsam den Durchblick zwischen all den horizontalen und linearen Serien auf Netflix, Amazon, Sky und im Free-TV? Oder sind Sie einfach nur auf der Suche nach gutem Fernsehen, wollen womöglich sogar gepflegtes Binge-Watching betreiben? In unserer Kolumne "Hildegard von Binge" besprechen wir die interessantesten Neustarts des Monats.

"Here and Now"

Alan Ball ist einer der wenigen elder statesmen im noch recht jungen Seriengenre. Der Schöpfer von Six Feet Under und True Blood ist jetzt 60 Jahre alt, so wie Greg, der Familienvater in seiner neuen HBO-Serie Here and Now. Greg (Tim Robbins) leidet an seinem Alter, an seinem Land, das seine liberalen Ideale mit Füßen tritt. Kurz zusammengefasst könnte man sagen, Ball porträtiert in Here and Now das idealistische Amerika, während es dem Niedergang seiner Werte zusieht. Der Philosophieprofessor und Bestsellerautor Greg und seine Frau Audrey (Holly Hunter) haben drei Kinder adoptiert, die nun erwachsen sind. Duc (Raymond Lee) kommt aus Vietnam, Ashley (Jerrika Hinton) aus Liberia und Ramon (Daniel Zovatto) aus Kolumbien – "alles Länder, in denen es die Amerikaner vermasselt haben", wie Duc es einmal trocken bemerkt. Kristen (Sosie Bacon), die jüngste, leibliche Tochter, leidet darunter, das boring white chicken der Familie zu sein und erhofft sich durch einen DNA-Test ein wenig mehr Vielfalt im Stammbaum.

Diversity, soziale Vielfalt oder das, was viele darunter verstehen, ist ein weiteres Hauptthema der Serie und man merkt an vielen Stellen, dass sie geschrieben wurde, als Donald Trump gerade zum US-Präsidenten gewählt worden war. An Kristens Highschool etwa wollen ein paar Schüler einen "weißen" Club gründen. Alle anderen Ethnien hätten doch auch ihren eigenen Club, warum also nicht auch sie? Um institutionellen Rassismus geht es immer wieder, etwa wenn die schwarze Ashley ihre weiße Schwester Kristen zur Polizeistation begleitet und beide Frauen komplett unterschiedlich behandelt werden. Ob es den transsexuellen, kopftuchtragenden muslimischen Teenager unbedingt in der Serie gebraucht hätte – naja. 

Zumal es auch noch einen zweiten Handlungsstrang gibt, der viel Raum einnimmt: Ramon, der kolumbianische Adoptivsohn, leidet an Visionen und scheint eine mysteriöse Verbindung zu einer Frau aus der Vergangenheit zu haben. Die Genremischung zwischen klassischer Familiengeschichte, Mystery und Gesellschaftskritik geht auf – zumindest in den ersten vier Folgen, die vorab zu sehen waren. Der Vater, der die Augen vor der Wirklichkeit schließt und der Sohn, der seinen Blick auf eine andere Dimension erweitert. Beides sind Fluchtimpulse vor der Realität im heutigen Amerika.
(Carolin Ströbele)

Here and Now läuft ab 12. Februar in der Originalfassung auf Sky Ticket, Sky Go und Sky On Demand.