Zusammengerollt auf einer Couch liegt Elio im Schoß seiner Eltern. Die Mutter liest eine französische Romanze aus dem 16. Jahrhundert vor. "Ist es besser zu sprechen oder zu sterben?", zitiert sie den Ritter Amadour, der sich nicht dazu durchringen kann, einer Prinzessin seine Zuneigung zu gestehen. Dieses Gefühl von Zögern und Überschwänglichkeit zeichnet junge Liebe aus, und der italienische Filmemacher Luca Guadagnino fängt es in seiner vollendeten Literaturverfilmung Call Me By Your Name ganz wunderbar ein. Elio ist verliebt. Und er beschließt, dass er reden muss.

Der17-jährige Italoamerikaner verbringt den Sommer in einer herrlichen Landvilla in Norditalien mit seinem Vater (Michael Stuhlbarg), einem renommierten Archäologieprofessor, und seiner weltgewandten Mutter (Amira Casar), einer Übersetzerin. In ihrem Haus herrscht eine Atmosphäre der Offenherzigkeit und intellektuellen Neugierde. Es wird Englisch, Französisch und Italienisch gesprochen, Montaigne zitiert und über klassische Kunst diskutiert.

Es ist 1983 und für Elio gibt es nicht viel zu tun, außer Bücher zu lesen, in der Sonne zu faulenzen, an sich rumzufummeln, über italienische Piazze zu radeln und Klavierstücke zu transkribieren. Sehnsucht steht in der feuchten mediterranen Luft und der junge Mann ist so überreif wie die Pfirsiche, die im Obstgarten an den Ästen hängen. Mit anderen Worten: Elio ist bereit, sich in die Arme und Lenden von jemandem zu werfen, den er begehrt.

Adonis unter den Sterblichen

Und dann kommt Oliver, ein charismatischer, amerikanischer Student, der seinem Vater sechs Wochen lang bei seinen Forschungen helfen soll. Der Eindringling, wie Elio ihn zunächst abschätzig nennt, rotzt ein nonchalantes "Später!" hin, begibt sich ohne Entschuldigung in Elios Zimmer, sinkt auf dessen Bett zusammen und schläft ein: groß, gebräunt, enorm gutaussehend, fast ein bisschen protzig. Er ist ein blonder Goldjunge, der wie Adonis unter den Sterblichen wandert. Ja, er ist ein Gott! In der Sonne leuchtet er wie die antike Bronzeskulptur, die Elios Vater aus dem Gardasee gefischt hat. Elio ist irritiert, liebestoll, besessen.

Trotz ihres Altersunterschieds sind die beiden intellektuell auf einer Wellenlänge. Der eine liest Heidegger, während der andere Bach auf dem Klavier spielt. Und so nähern sie sich einander vorsichtig an, ohne zuzugeben, was vor sich geht. Sie tanzen umeinander, manchmal buchstäblich, und der Film ist ebenfalls eine Art Balztanz, ein quälender, hinreißender Walzer.

In der Zwischenzeit haben sowohl Elio als auch Oliver Affären mit Mädchen aus dem Dorf. Hier wird experimentiert, und Sexualität ist so fließend wie das Wasser, das den nahegelegenen Fluss hinunterströmt. Wenn sie schließlich, endlich, ihrem Verlangen erliegen, wird der Titel, "Ruf mich bei deinem Namen", in einem Moment der Leidenschaft leise gesprochen. Oliver will eins werden mit Elio. "Elio, Oliver, Oliver, Elio", flüstern sie, während die beiden – und auch der Zuschauer – den Überblick darüber verlieren, wo der eine anfängt und der andere aufhört. Am Morgen danach sind ihre Gliedmaßen so verwickelt, dass niemand sagen könnte, welche zu wem gehören.