Heike-Melba Fendel: Unter dem Eindruck von #MeToo werden jetzt anlässlich der Berlinale beflissen Harassment-Beauftragte und Beschwerde-Hotlines eingerichtet. Anna, Deine Initiative #NobodysDoll ermuntert Frauen, selbst die normierte Rote-Teppich-Sexyness aufzubrechen. Verstehst Du das auch als einen spielerischen Gegenentwurf, mindestens als Ergänzung zu der #MeToo-Perspektive? 

Anna Brüggemann: Nein, meine Aktion entstand ja schon Anfang November, da war in Deutschland noch nicht so eine große Aufregung wie jetzt. Da es ja auch hier strukturellen Machtmissbrauch gibt, sind diese Anlaufstellen gut und richtig. Was man aber nicht vergessen darf: Es gibt Männer und Frauen, die wollen Macht. Und Geld. Und das kann einen verdammt korrumpieren. Und es gibt Männer und Frauen, die wollen das nicht. Die wollen primär interessante Kunst machen. Diesen Menschen sollte mehr Geld gegeben werden. Und mehr Macht. 

Fendel: Du sagst im Kontext von Machtmissbrauch "Menschen", nicht "Männer"…

Brüggemann: Männer, die ein respektloses Frauenbild haben, ignorieren ja auch andere Männer, die respektvoller und differenzierter sind. Weil sie im Endeffekt ein respektloses Menschenbild haben. Es gibt gerade die Tendenz, zu rufen "Wir Frauen endlich gegen all die doofen Männer". Verstehe ich. Aber man kann auch mal zwischendurch und dann immer öfter rufen: "Die Freiheit der Kunst gegen die Engstirnigkeit des völlig durch kapitalisierten Menschen."

Fendel: Nobody's Doll impliziert im Titel ja zweierlei: Dass Frauen zu Puppen gemacht werden und das Objekt eines handelnden Subjekts sind. Wer und was macht eine Frau zur Puppe?

Brüggemann: Das herrschende Schönheitsideal macht Frauen zur Puppe und ist darüber hinaus frauenfeindlich. Noch immer gilt dünn als schön, viel zu viele Frauen hungern "freiwillig", wie sie sagen. Wer aber hungert, hat weniger Kapazitäten, die Welt wird kleiner. Und: Noch immer gelten hohe Schuhe als elegant und sexy, dabei fühlt sich eine Mehrzahl aller Frauen in ihnen nicht wohl. Jung gilt außerdem als schön. Aus archaisch-männlicher Perspektive ist jung ja auch attraktiver, denn dann ist man noch gebärfähig. Aber in einer Zeit, in der immer mehr Frauen Regie führen, Produzentinnen sind, sollte es eine Schönheit geben jenseits der Jugend und Gebärfähigkeit. Erst wenn es selbstverständlich wird, dass Schauspielerinnen jenseits der 40, in Größe 40 sichtbar sind und bleiben, hat sich wirklich etwas geändert. Und dann wird auch viel glaubhafter sein, wenn wieder andere Frauen sagen, sie machen das gern. Die hohen Schuhe, das knappe Kleid.

Fendel: Hast Du nicht auch Angst, falsch verstanden zu werden? Als Spaß- oder Glamourbremse? 

Brüggemann: Zunächst einmal: Was mir bei meinem Aufruf durchaus Sorge bereitet, ist, dass auf eine Frau, die sich in Robe und High Heels irgendwo zeigt, mit dem Finger gedeutet wird und man flüstert "Aha, ein Püppchen". Natürlich habe ich gewisse Attribute aufs Korn genommen. Aber viel wichtiger ist mir eine dahinter stehende Haltung. Wenn eine Frau denkt, sie habe keine andere Möglichkeit, Beachtung und Erfolg zu erlangen, als sich einem gesellschaftlichen Kodex zu fügen, dann muss man diesen Kodex hinterfragen.

Der Kodex beinhaltet in diesem Fall hohe Schuhe, viel Haut und ein Täschchen, mit dem man die Hände nicht frei hat. Dass es innerhalb dieses Regelwerkes Frauen gibt, die Spaß daran haben, ein Geschäft daraus schlagen, es souverän bespielen, ist mir klar. Die will ich nicht angreifen, auf keinen Fall. Aber es ist überfällig, dass für die anderen Frauen, für das andere Frauenbild auch Platz ist.

Die Schauspielerin und Drehbuchautorin Anna Brüggemann © William Minke

Fendel: Kann man sagen, dass es einerseits den Beruf Schauspielerin und andererseits den des Promis gibt? Du bist sehr vorsichtig, beziehungsweise großzügig in Deinem Ansatz: Jede, wie es ihr gefällt. Aber gibt es überhaupt eine Chance, besetzt zu werden, wenn man den Zirkus nicht mitmacht?

Brüggemann: Es gibt Schauspielerinnen, die sehr eigenwillig sind und durchaus besetzt werden, wie Britta Hammelstein oder Vicky Krieps. Aber viele werden jetzt sagen: "Britta wie? Vicky wer?" Besetzt wird man also auf jeden Fall, dafür wird auch einfach zu viel gedreht, vor allem fürs Fernsehen. Prominent wird man so nicht. Ich kenne so viele Schauspielerinnen, die zwar gut von ihrem Beruf leben können, die ich aber gern viel prominenter erleben würde. Anneke Kim Sarnau! Amelie Kiefer! Alice Dwyer! Luise Heyer! 

Fendel: Was nährt Deinen Optimismus, dass ausgerechnet der Rote Teppich ein Fortschrittsmotor sein kann? Ist es nicht so, dass die Schere zwischen fordernden Feministinnen und Gala/Instagram/Schminkvideo-vernarrten und konditionierten Promis und den sie verehrenden Teenagern immer weiter auseinanderklafft? Dass also die medialisierte Frau in zwei Teile zerbricht?

Brüggemann: Die Jugend nährt meinen Optimismus. Ich kenne einige sehr junge Frauen, die überhaupt keine Lust auf und kein Interesse an diesen Kunstfrauen haben. Auf der anderen Seite könnten die auch Deine Theorie belegen. Ja: Auf der einen Seite die individuellen, selbstbestimmten Frauen, auf der anderen Seite eine Armada an jungen Mädchen, die alle gleich aussehen. Enge Jeans und lange – unbedingt lange – Haare. Und im Filmbereich auf der einen Seite die Frauen, die sich kommerzialisieren lassen und damit sehr erfolgreich sind, und auf der anderen Seite die Arthouse-Queens. Wenig dazwischen, zumindest nicht bei Kinoschauspielerinnen. Bei Fernsehschauspielerinnen schon. Man könnte auch sagen, dass es sehr viele begabte, eigenwillige Schauspielerinnen gibt, die für Kommerzfilme zu eigenwillig und für Arthouse-Filme zu flamboyant sind. Und die versauern im Fernsehen. Steile These, ich weiß, aber ich kann ihr was abgewinnen.

Fendel: Wie kann das Gegenteil eines optikfixierten Promikultes aussehen? Ließe sich das Rad noch einmal zurückdrehen?