Kino - »Playing God« (Trailer) © Foto: Bildersturm-Film

Welchen Wert hat ein Menschenleben? Wenn ein Bankmanager stirbt: Zählt er mehr als ein Feuerwehrmann oder ein illegal ins Land gekommener Migrant ohne Arbeitserlaubnis, der seine Familie mit Aushilfsjobs über Wasser hielt? Wie entschädigt man Menschen nach einer Umweltkatastrophe, die ihre wirtschaftliche Existenz zerstört hat? Lässt sich die Beeinträchtigung, die eine durch Gift ausgelöste schwere Krankheit bedeutet, überhaupt durch Geld aufwiegen? Wenn ja, durch welche Summen?

Es gibt keine richtige Antwort auf solche Fragen – und doch muss Kenneth Feinberg sie beantworten. Der 72-jährige Anwalt ist der Star unter den Entschädigungsspezialisten der USA. Ihn ruft man, wenn es um besonders schwierige und schwerwiegende Fälle geht: Agent Orange, Deepwater Horizon, der 11. September 2001, Sandy Hook. Beauftragt wird Feinberg von der Regierung, von Richtern oder Unternehmen. Sein Job ist es, ihnen das Leid vom Hals zu halten und an ihrer Stelle mit den Opfern und Hinterbliebenen zu sprechen. Und eine finanzielle Lösung zu finden, die die Verletzungen wenigstens ein bisschen kompensiert.

In ihrem Film Playing God porträtiert die deutsche Regisseurin Karin Jurschick Feinberg und seine Arbeit. In ruhigen, zurückgenommenen Bildern zeigt sie ihn als einen erfolgreichen, aber nicht unsympathischen Ostküstenanwalt, einen scharfsinnigen, kühl argumentierenden Mann; als jemanden, der Opern liebt, freimütig zugibt, sein Schauspieltalent im Umgang mit den Opfern einzusetzen – und der um die ethischen Probleme seiner Arbeit weiß. "Was glauben Sie, warum ich bis drei Uhr nachts wach bin?", fragt er die Regisseurin einmal. "Ich frage mich, was das Richtige ist, was ich tun soll. Wie tut man das Richtige?"

Playing God: Der Titel des Films spielt an auf ein Schild, das Hinterbliebene von Opfern des 11. September auf einer Demonstration gegen Feinberg in die Kamera hielten. "Stop Playing God!" stand darauf: "Hör auf, Gott zu spielen!"

Feinberg selbst sieht seine Arbeit naturgemäß anders. "Ich berechne den Wert eines Lebens genau so, wie Richter und Geschworene es in jedem Gericht und jeder Stadt tun", sagt er. "Es ist eine kalte mathematische Formel: Was würde eine Person in ihrem Arbeitsleben verdienen, hätte es die Tragödie nicht gegeben?" Der Anwalt gibt die Antwort selbst: Börsenmakler, Banker und Anwälte mehr als Hilfskellner, Polizisten und Feuerwehrleute. Hinzu komme ein Aufschlag "für Schmerz und Leid", dessen Wert er basierend auf einer amtlichen Statistik kalkuliert.

Gerecht sei daran nichts, sagt Feinberg. "Es ist kaum Faires daran, Menschen Geld zu geben, die ihre Liebsten verloren haben. Aber so ist das amerikanische System."

Jurschik lässt ihre Zuschauer nicht erkennen, was sie von Feinberg hält. Man muss sich selbst ein Urteil bilden, während man den Anwalt mit der Regisseurin in seiner Kanzlei und zu Hause besucht, ihn selbst, seine Frau, berufliche Weggefährten, Hinterbliebene und Kritiker über seine Arbeit sprechen hört und Archivmaterial von früheren Fällen sieht.

Eine Hinterbliebene des 11. September nennt die Entschädigung, die sie durch Feinberg erhalten hat, "Blutgeld" – dennoch ist sie dankbar für die Hilfe. Eine andere ist empört darüber, wie gering Feinberg das Leben ihres Sohnes schätzt: Er war ein Feuerwehrmann und starb im Einsatz, aber weil er keine Familie zu versorgen hatte, erhielten Eltern und Geschwister nur eine vergleichsweise geringe Entschädigung. Ein Fischer, der nach der Deepwater-Horizon-Katastrophe Geld erhielt, nennt den Anwalt einen mutigen Mann, weil er sich dem Zorn vieler anderer Fischer stellte. Denn die sind mehrheitlich wütend auf Feinberg. Sie fühlen sich über den Tisch gezogen: abgespeist mit einer niedrigen Summe, weil sie weder die tatsächliche Höhe ihrer Verluste dokumentieren noch beweisen konnten, dass ihre Krankheiten vom Öl herrührten. Im Gegenzug mussten sie noch auf ihr individuelles Klagerecht gegen BP verzichten. Feinberg nennt das "fair". Seine Kritiker sagen, er habe dem Unternehmen BP geholfen, sich freizukaufen.

Die Regeln des Kapitalismus

Während der Dreharbeiten erhielt der Anwalt einen neuen Auftrag: Nach einer Gesetzesnovelle sollte er für einen Pensionsfonds entscheiden, ob Rentenkürzungen zulässig sind. Der Lebensunterhalt von mehr als einer Million Menschen und ihrer Familien stand auf dem Spiel. Jurschik lässt ihre Zuschauer die Verzweiflung der Pensionäre spüren, die sich – alt und krank –  um den Lohn eines Arbeitslebens gebracht sehen. Und sie zeigt Feinberg als einen Mediator, der sich um Fairness bemüht. Am Ende lehnt er die geplanten Kürzungen ab; jedoch nicht, um den Rentnern beizuspringen, sondern weil die Pensionskasse so oder so bankrott gehen werde, wie er sagt. "Ich bekomme jetzt all diese Dankschreiben von Rentnern", sagt er. "Dabei habe ich nur den Tag der Abrechnung hinausgeschoben."

Er selbst könne die Probleme einer unterfinanzierten Wirtschaft, die Probleme der Mittelklasse nicht lösen, sagt Feinberg. Er setze nur geltendes Recht um. Und weil das stimmt, ist Playing God nicht nur ein Porträt dieses einen Anwalts, sondern ein Film über die Regeln des Kapitalismus in den USA, über seine Gewinner und Verlierer – und über den Wert, den ein solches System einem Menschenleben zubilligt.