"Ich habe mir immer gewünscht, so eine Figur zu spielen. Eine extrovertierte, verrückte, knapp am Wahnsinn vorbeischrammende Frau." Natürlich erzählen Schauspielerinnen immer, wie großartig sie ihre Rollen finden, das ist Teil ihres Berufs. Aber wenn Martina Gedeck über die Zwillingsschwestern Martha und Myriel spricht, die sie in der TNT-Serie Arthurs Gesetz spielt, hört es sich wirklich an, als habe sie sich in ihre Figuren verliebt. Und wenn sie sagt: "Ich war in beiden Frauen sehr zuhause", dann impliziert dieser Satz auch, dass es so eine Heimat für deutsche Schauspielerinnen im Fernsehen nicht oft gegeben hat.  

Auf der diesjährigen Berlinale war natürlich auch #MeToo ein großes Thema, und die Frage, wie man sowohl sexuellen Missbrauch verhindern als auch die Gleichberechtigung von Frauen vor und hinter der Kamera fördern könne. Auch die Selbstdarstellung in der Branche wurde kritisch beleuchtet: Die Schauspielerin Anna Brüggemann wandte sich mit ihrer Initiative #NobodysDoll gegen den Schönheitszwang auf dem Roten Teppich.

"Es geht bei der Debatte um #MeToo in Film und Fernsehen auch darum, welche Stimme eine Frau innerhalb einer Verfilmung hat", sagt Martina Gedeck. "Wenn man das normale Fernsehprogramm ansieht, dreht man durch – die Art, wie die Frauen dort dämlich dargestellt und für dumm verkauft werden, ist hinterwäldlerisch, schlimmer als in den fünfziger Jahren." Ihr sei wichtig, dass Frauen gleichberechtigt erzählt würden. Das nämlich habe bisher gefehlt, findet die Schauspielerin: "Frauen wurden unterdrückt abgebildet, aber sie wurden auch unterdrückt erzählt." Die Rollenklischees beträfen allerdings genau so auch die Männer: "Die werden genauso holzschnittartig und machohaft erzählt."

Sie sei sehr froh, dass die Gesellschaft endlich so weit sei, dass man für diesen Blick auf Frauen nicht mehr so kämpfen müsse. Für sie selbst sei es, als hätte sich ein Raum geöffnet, sagt Gedeck, die als eine der beliebtesten Schauspielerinnen in Deutschland keinen Mangel an Drehangeboten hat.

Die Drama Series Days – die vor vier Jahren gegründete Seriensektion der Berlinale – sind ein Ort dieses Festivals, an dem sich der wachsende Einfluss von Frauen in der Branche am deutlichsten zeigt. Auf einem Panel zum Thema Fernsehvermarktung erzählt etwa Sarah Doole, bei FremantleMedia zuständig für den Einkauf und weltweiten Vertrieb von Drama-Serien (u. a. American Gods, The Young Pope), dass es kaum zu glauben sei, wie viele Drehbücher auf ihrem Tisch landeten, in denen Frauen überhaupt nicht vorkämen. 

Auf der Berlinale stellt sie die australische Produktion Picnic at Hanging Rock vor, die Serien-Adaption des Klassikers Picknick am Valentinstag, in der tatsächlich nur Frauen die Hauptrollen spielen. Natalie Dormer (bekannt aus der Serie Game of Thrones) verkörpert darin die Direktorin einer konservativen Mädchenschule im Jahr 1900 in Australien. Nachdem drei ihrer Schützlinge bei einem Ausflug spurlos verschwinden, wird sie von ihrer Vergangenheit eingeholt.

"Scandi Noir" wird heller

Wer wissen will, wo sich die europäischen Serien hinbewegen, kommt nicht umhin, nach Skandinavien zu schauen. Gleich mehrere Panels und Vorführungen auf den Drama Series Days waren aktuellen oder kommenden Produktionen aus Dänemark, Schweden, Norwegen, Finnland und Island gewidmet, und sie zeigten, dass die Marke "Scandi Noir", also die düsteren, dramatischen Thriller, die jahrzehntelang auch im deutschen Fernsehen als Erfolgsgaranten herhielten, nun aufgebrochen wird. "Scandi Noir" wird heller, bunter.

Die norwegische Comedy-Serie One Night etwa erzählt ganz schlicht von einem Date, gestreckt auf zehn Episoden. Interessant ist, welchen Kniff sich das kleine Fernsehland Norwegen ausgedacht hat, um den internationalen Verkauf anzukurbeln: Die Serie wurde zweimal gedreht, einmal auf Norwegisch mit englischen Untertiteln, und einmal komplett auf Englisch. Das ist wahrscheinlich nur bei Produktionen mit einem relativ begrenzten Cast möglich – und in einem Land, in dem viele Schauspieler nahezu perfekt Englisch sprechen. Aber es zeigt, wohin es gehen kann, wenn man wirklich global denkt im Fernsehbusiness.

Was bedeutet die neue skandinavische lightness für die Frauenrollen? Vielleicht, dass wir irgendwann von der Figur der Kommissarin mit Asperger-Syndrom verschont werden, die nach Die Brücke vielfach kopiert wurde. Dieser Typ Frau wurde eine Zeit lang als willkommene Abwechslung von den früheren Kommissarinnen und Staatsanwältinnen mit Pistole im Strumpfband wahrgenommen. Kritisch betrachtet könnte man aber auch sagen: Erst dadurch, dass diese Frauen als emotional gehandicapt dargestellt wurden, galten sie als "fit" für den rationalen Job der Ermittlerin.

Die längst überfällige Öffnung europäischer Serien für andere Genres als das des Polizeithrillers hat einen weiteren positiven Effekt: nämlich, dass es nahezu keinen (Fernseh-)Job mehr gibt, den Frauen nicht mehr selbstverständlich besetzen könnten. In Christian Schwochows Banker-Sechsteiler Bad Banks etwa, der am 1. März im deutschen Fernsehen anläuft, spielt Paula Beer eine Investmentbankerin mit spezieller Agenda. Ihre Hauptanspielpartnerinnen sind zwei andere Frauen: die anfänglich missgünstige Kollegin Thao (Mai Duong Kieu) und die Chef-Bankerin Christelle LeBlanc (ungewöhnlich besetzt mit Désirée Nosbusch). Hier tun Frauen das, was gemeinhin als männliche Berufstaktik gilt: Seilschaften knüpfen. Und im Ernstfall zuerst an sich selbst denken.