Klar ist man neugierig auf die Sexszenen. Egal welchen Film man sieht, aber besonders, wenn sich Sex als Thema so aufdrängt wie im neuen Fifty Shades of Grey-Film (Regie: James Foley), der gerade in den Kinos anläuft. Erzählt wird der dritte Teil der sadomasochistischen Beziehungsgeschichte zwischen der jungen Ana (Dakota Johnson) und dem Multimilliardär Christian Grey (Jamie Dornan). Die beiden sind nun verheiratet.

Um es kurz zu machen: Reizen will der Film, indem er reiche Menschen in teuren Autos durch schöne Landschaften fahren lässt. Durch Sex eher nicht. Der spielt im Grunde diesmal keine Rolle. Er erschöpft sich meist darin, dass sich Ana und Christian küssen, bevor sie den Kopf in den Nacken wirft. Blende.

Nachdenklich stimmt allerdings der Untertitel: Befreite Lust. Denn frei ist hier gar nichts. Christian Grey kontrolliert seine Ehefrau, verbietet ihr, im Urlaub das Bikinitop auszuziehen, lässt sie rund um die Uhr überwachen. Das hat nichts mit Sado-Maso-Kultur zu tun, sondern mit sexistischen Rollenklischees. Man hätte den Film als Kommentar zur #MeToo-Debatte lesen können. Würde er sich für diese Fragen interessieren. Was er nicht tut.

Trotzdem ist etwas passiert. An der Art, wie man das jetzt anguckt.

Vielleicht war es der Nebensatz in dem Interview, das man neulich las: Die Schauspielerin Dakota Johnson ist die Enkelin von Tippi Hedren. Die wiederum war der Star in Alfred Hitchcocks Die Vögel und Marnie – und wurde von ihm sexuell belästigt. Hm, denkt man, war Johnson eigentlich beim Dreh selbst ganz frei von solchen Übergriffen? Warum gibt es in diesem dritten Teil so wenig Sex zu sehen? Wollte sie es selbst nicht? Oder war es andersrum: Vermeidet der Regisseur Foley Sex, weil man in Hollywood gerade lieber weniger wagt als mehr?

Da ist es, das Unbehagen: Wie kann man Sex jetzt noch zeigen – und wie ansehen – bei den Missbrauchsvorwürfen, die #"MeToo und Time’s Up in der Filmbranche zutage gefördert haben? Gleichzeitig wird klar: Da vermischt sich etwas, das dringend auseinandergedröselt gehört. Sex anzugucken ist das eine. Die Szenen zu produzieren das andere. Im Übrigen ging es bei #MeToo nie um Sexszenen, sondern um Machtmissbrauch am Set. Sexuelle Belästigung ist kein Sex.

Verändert hat sich aber vor allem, wie wir jetzt über Sex reden, und auch, was wir in ihm sehen. Um beim Beispiel von Shades of Grey zu bleiben: Die britische Regisseurin Sam Taylor-Johnson hatte im ersten Teil (2015) noch gute Ideen für die Szenen im Zimmer mit den Fesseln und Peitschen. Sie belichtete die Bilder der Lust doppelt, legte Anas Stöhnen über Christians Schläge. Jetzt im dritten Teil scheint sich die Kamera immer gleich scheu abzuwenden. Die Zuschauerin bleibt ratlos zurück. Kinosex im Jahr 2018? Kompliziert.

Sex im Film war allerdings nie unkompliziert. Sich das bewusst zu machen, lohnt sich, gerade im Moment. Zunächst einmal sind Sexszenen eine relativ junge Erscheinung. Kinofilme gibt es seit Ende des 19. Jahrhunderts, bis in die 1960er hinein durften Regisseure darin Sex nicht einmal andeuten. In Hollywood galt der sogenannte Production Code, ein Sittlichkeits-Kodex, der alles zu zeigen verbot, was "niedere Instinkte" ansprach – von Nacktheit bis "lustvolles Küssen", von Vergewaltigung ganz zu schweigen. Damit verhinderte der Code nicht nur Gewaltdarstellungen, sondern auch einvernehmliche Beziehungen zwischen Unverheirateten, Schwulen oder Lesben auf der Leinwand. Auch gesellschaftlich akzeptierter Sex – also ehelicher, verbunden mit Schwangerschaft und Geburt – blieb ohne konkrete Bilder.