Tatsächlich würde man gern einmal eine Engländerin oder einen Chinesen, eine Gabunerin oder einen Italiener vor den Dortmunder Tatort: Tollwut (WDR-Redaktion: Frank Tönsmann) setzen und sich danach erzählen lassen, was sie darin sehen. Was sie damit anfangen können, was ihnen der Film sagt.

Der Dortmunder Tatort ist ein Faszinosum: durchaus beliebt, dabei aber von deprimierender Durchschnittlichkeit, die überspielt wird durch eine fundamental unsympathische Überheblichkeit der Figuren. Mentalitätsempfindlich muss man wohl, siehe Beliebtheit, seufzen: Das, liebe Kinder, ist "Deutschland" (Angela Merkel). Für die Mittelmäßigkeit garantiert in dieser Folge wieder einmal ein Drehbuch von Jürgen "Die Schreibmaschine" Werner.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Seine Geschichte handelt von einer Reihe wiederkehrender Häftlingstode durch Tollwut oder symptomatisch ähnliche Vergiftungen. Was dahinter steckt, enthüllt sich im Film spät. Werners Sprache zeichnet sich durch verbale Blässe und ambitionslose Allgemeinheit aus. Ein schönes Beispiel dafür ist die durch Manager und FDP-Stutzer in den Sprachgebrauch eingeführte Power-Vokabel "liefern". Kommissar Faber (der Potsdamer Stadtplaner Jörg Hartmann) führt sie gleich mehrfach im Munde; aber weil der Text, der ihm zur Verfügung steht, so grau und langweilig ist, weiß man in keinem Moment, wie er zu dem unschönen Modewort steht. Verwendet er es ironisch, um den Abstand zu der fremdbestimmten Möchtegern-Rhetorik von "Movern und Shakern" (Ulf Poschardt) zu markieren? Benutzt er es affirmativ, weil er selbst gern Möchtegern-Topchecker wäre? Oder ist der Begriff einfach nur in das Drehbuch gerutscht wie in den Sprachgebrauch von den Leuten, die sich darüber wenig Gedanken machen?

Männliche Schenkelklopfer

Ich würde auf Letzteres tippen, und man könnte sogar argumentieren, es sei "realistisch", dass der Kommissar halt so redet, wie viele reden in Zeiten der Durchökonomisierung. Aber an so einem Detail zeigt sich, wie unspezifisch Dialog in Tollwut geschrieben ist, wie wenig Aufmerksamkeit und Interesse darauf verwendet werden, den Figuren eine für sie typische Rede zu geben (typisch ist für Faber einzig: "lecker").

Ein zweites Beispiel wäre das "lecker Frühstück", das Faber einmal in so zwanghaft guter Laune den Kolleginnen Bönisch (Anna Schudt) und Dalay (Aylin Tezel) mitbringt, dass man selbst schlechte bekommt. Der jungen und attraktiven Nora Dalay wird dabei zweimal eine "Latte" offeriert, wo man doch eigentlich von "einem" Kaffee Latte sprechen würde. Auch hier scheint es eher so, dass sich der Autorenwitz für die männlichen Schenkelklopfer im Publikum an der Idee vorbeischmuggelt, Charaktere könnten durch ihr Sprechen erkennbar sein. Denn bei all den pathologischen Störungen, die der Faber-Kommissar vor sich herträgt: Sexismen gehörten bislang nicht dazu.

Billige Gestelztheit

Ein drittes Beispiel gibt der Faber-Gegenspieler und Kinderschänder Markus Graf ab, von dem man noch vage weiß (auch kein Ausweis besonders eindrücklicher Erzählungen), dass er was mit dem Tod von Fabers Frau und Tochter zu tun hat. Graf soll als Hannibal Lecter in der Streichholzschachtel eine klassische Kinoerfindung sein: der kultivierte Serienkiller, der dem Kommissar ein intelligenter und damit anstrengender Widerpart ist und sein Tun quasi als Kunst verkauft.

In Tollwut kommt aber nur eine billige Gestelztheit heraus ("Bevor wir das Band des Vertrauens knüpfen"), was man am Spiel des auf solche Rollen gerade im Tatort abonnierten Florian Bartholomäi registrieren kann. Der Schauspieler wirkt eher wie ein Medium von Werners einfachen Gepflegtheitsvorstellungen. Seine Sätze kriegt er nicht in ein plausibles Spiel integriert, ganz anders als bei seiner überzeugenden Darstellung im Jubiläums-Tatort: Taxi nach Leipzig.

Weil der Regie (Dror Zahavi) zum Text auch nicht viel mehr einfällt als in einer merkwürdigen Top-Gun-Faszination die Ermittler immer wieder breitwandigst auf das Gefängnis zulaufen zu lassen, bleibt Tollwut ein schales Vergnügen. Die Konstruktion von Spannung wird über unglaublich viel und wenig eindrücklichen Erklärdialog vermittelt: Wer hinter der Tollwut-Unruhe im Gefängnis steckt, wird zwar dauernd abgewägt. Aber auch hier wirkt der Text nicht wie die Grundlage zu etwas, das sich zeigen lässt, sondern wie ein Off-Kommentar, bei dem man nachhören kann, wie alles gedacht war.

Prätentiöses Kompetenzgebollere

Dass nämlich Graf hinter der ganzen Chose steckt, um bei dem Gefängniswechsel (wegen der Todesfälle wird evakuiert) zu fliehen, mag überraschend wirken. Eine Überraschung ist das jedoch nur in dem Sinne, dass vorher nichts darauf hingedeutet hat: Grafs Anwältin Miriam Schott (Yvonne Young Hee Bormann) spricht mit Faber arrogant posend, ganz so, als wäre ihr Mandant kein Straftäter, dessen Rechte sie garantiert, sondern ein Popstar, dem sie als abschirmende PR-Agentin dient.

Dass sie am Ende das erste Opfer von Grafs neuer Freiheit ist, muss sie selbst erstaunt haben. Undank ist der Welten Lohn. Aber in Tollwut wird Coolness eben in der spezifisch deutschen Form des Schnepfismus ausgegeben, von dem quasi alle Figuren betroffen sind: Insuffizienz und Unsicherheit soll durch prätentiöse Kompetenzgebollere überdeckt werden.