Warum nicht einmal miteinander reden? Mit den fünf bisher gesendeten Weimarer "Tatort"-Folgen konnte ich nicht viel anfangen. Und weil ich die Sorge hatte, in der Kritik zum aktuellen Fall "Der kalte Fritte" wieder nur mein Missvergnügen zum Ausdruck zu bringen, habe ich dem Drehbuchautor Murmel Clausen ein Gespräch vorgeschlagen – über seine Arbeit und meine Kritik daran. Clausen fand die Idee gut und so gibt es hier anstelle der "Tatort"-Kritik ein Gespräch. "Der kalte Fritte" handelt von einem Bruderzwist: Der eine, Fritte, ist Zuhälter, der andere besitzt einen Steinbruch, der für die Neuansiedlung eines Museums von Interesse ist und ein gutes Geschäft verspricht – in das Fritte wiederum verwickelt ist.

ZEIT ONLINE: Herr Clausen, bevor wir ins Detail gehen: Wie ist Ihr Verhältnis zur Kritik?

Murmel Clausen: Ich finde Kritik interessant, ich sehe meine Arbeit ja auch immer kritisch. Manches verstehe ich aber auch nicht. Sie haben in Ihrem Text über Der wüste Gobi zum Beispiel geschrieben, dass der Humor nichts zeige, was man nicht auch anders erzählen könnte.

ZEIT ONLINE: Damit meinte ich, dass es eine künstlerische Notwendigkeit geben muss, warum man zu den Mitteln der Komik greift. Ich bin zwar auch kein Fan des Münster-Tatorts und seines Humors, aber in dem Fall verstehe ich, dass es die Komik braucht. Das Gefälle zwischen oben und unten, den Inkorrektheitsdiskurs – das könnte man anders nicht erzählen. Bei den Weimarer Tatort-Folgen fehlt mir diese Notwendigkeit.

Murmel Clausen, 1973 in München geboren, verfasste gemeinsam mit Andreas Pflüger die Drehbücher zu den ersten fünf Weimar-"Tatorten". Die aktuelle Folge "Der kalte Fritte" schrieb er allein. Davor war er unter anderem am Buch zu Bully Herbigs "Der Schuh des Manitu" beteiligt. © privat

Clausen: Bei uns stand mit der Besetzung von Nora Tschirner und Christian Ulmen fest, dass wir einen komischen Tatort machen. Trotzdem versuchen wir, die Gesetzmäßigkeiten einzuhalten – dass wir einen Ermittlerkrimi schreiben, dass die Polizeiarbeit korrekt ist. Meistens ist es eine Jagd, meistens sind mehrere Figuren verwickelt, die ihren kleinen Traum vom Glück plötzlich vor sich sehen. Dann wird ein schlechter Plan umgesetzt. Die Dynamik, die dadurch entsteht, finde ich interessant.

ZEIT ONLINE: Welche Dynamik entsteht bei der Arbeit am Buch nach der ersten Fassung durch die Gespräche mit der Redaktion?

Clausen: Wir führen lange Gespräche, mit unserem Redakteur Sven Döbler und der Produzentin Nanni Erben. Da wird uns oft gesagt, dass unsere Filme nicht emotional genug sind und wir zu oft auf den Gag gehen statt auf die Spannungskurve. Deswegen schreiben wir häufig auch fünf Fassungen. Das ist gut, die Bücher werden dadurch immer besser. In der Regel kommt nach vier Fassungen die Regie dazu und hat noch eigene Ideen.

ZEIT ONLINE: Den Vorwurf der mangelnden Emotionalität finde ich merkwürdig. Als ob es da einen Standardanteil geben könnte. Mir scheint das ein sehr deutsches Problem zu sein: dass man in einem Tatort immer alles haben will. So gelingt Kunst aber nicht.

Clausen: Wenn wir noch mehr auf die Komödie gehen würden, dann wär's wohl auch too much. Es muss schon noch Krimi sein. Wir haben eine eigene Tonalität, unsere Kommissare sind nicht empathisch. Wozu auch? Das bringt dem Fall nichts, wenn die sagen: "Oh Gott, ist das schlimm." Der Umgang zwischen den Ermittlern ist bei uns relativ natürlich. Wir lachen doch ständig im Job, alle. Auch Polizisten. 

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

ZEIT ONLINE: Es gibt im Weimar-Tatort unterschiedliche Register von Komik. Zuerst wären da Kira Dorn (Nora Tschirner) und Lessing (Christian Ulmen).

Clausen: Kira ist keine Intellektuelle, Lessing deshalb auf verlorenem Posten, was das Bildungsbürgertum angeht. Mir gefällt, dass er damit immer wieder mal aneckt. Dass er merkt, dass er der Klugscheißer ist. Der ist sehr deutsch.

ZEIT ONLINE: Ich mochte die Szene am Ende von Der kalte Fritte, wenn Dorn und Lessing zum Auto gehen und er die Falllösung mit diesem alten Scholastiker erklären will. Sie kann und will damit nichts anfangen und so säuft der ganze Angeberexkurs zum Scholastiker ab. Das Missverhältnis von seinem "Ich weiß was" und der Nutzlosigkeit dieses Wissens für die Geschichte ist komisch. Lupo, der vierte Mann der Stammbesetzung, den Arndt Schwering-Sohnrey spielt, ist für mich dagegen ein schlichterer Witz.

Clausen: Lupo kommt rein, wenn man einen Kollegen braucht, der Standardinformationen gibt. Das kann man lustig verpacken, deshalb macht das bei uns der Dödel.

ZEIT ONLINE: Über einen Dödel zu lachen, ist aber auch ein bisschen einfach.

Clausen: Lupo ist over the top, aber das gehört bei der Komödie dazu. Er zieht immer den komplett falschen Schluss aus den einfachsten Dingen. Und kriegt's nicht mal hin, ein Sprichwort richtig aufzusagen.

ZEIT ONLINE: Der Revierchef Stich (Thorsten Merten) macht dagegen Fahrlehrer-Witze mit seinen ständigen Wie-Vergleichen ("Das Leben ist wie eine Bratwurst"). Auch wenn mir das manchmal zu viel ist – da verstehe ich, dass das ein running gag ist, sich jedes Mal eine Variation von Sprüchen wie "Ich glaub, mein Hering hupt" mit einem neuen Tier auszudenken.

Clausen: Wir haben immer tote Tiere drin. Nur bei Der kalte Fritte hab' ich das vergessen. Es gibt so ein paar Standards, und einer ist, dass Stich so einen Tier-Spruch raushaut. Das ist etwas, was der Zuschauer eher subkutan mitbekommt. Was aber die Figur ausmacht.

ZEIT ONLINE: Aber dann fehlt mir die Trennschärfe. In Der wüste Gobi macht nämlich auch Kira Dorn Wie-Vergleiche. "Wie ein Pinguin in der Haifischdisco" ist aber doch eigentlich ein Stich-Satz.

Clausen: Es wäre ärgerlich, wenn Sie da recht hätten. Das ist tatsächlich ein Stich-Satz. Aber das sind ja schon die feinen Schräubchen.