Es ist ein Bild von Schönheit und Grausamkeit zugleich, mit dem dieser Film eröffnet: Eine junge Frau, leicht bekleidet, läuft barfuß vor einer gewaltigen Bergkulisse durch den Schnee. Es ist Nacht; der Vollmond taucht die Landschaft in ein unwirklich silbernes Licht. Man weiß: Die junge Frau wird sterben. Und es muss ihr zuvor etwas Fürchterliches zugestoßen sein.

Wind River ist der Abschluss von Taylor Sheridans Frontier-Trilogie. Für die beiden ersten Filme, Sicario und Hell or High Water, hat Sheridan das Drehbuch beigesteuert; in Wind River hat er nun zusätzlich auch noch erstmals Regie geführt. Und möglicherweise ist die Assoziation zur Border-Trilogie des Schriftstellers Cormac McCarthy kein Zufall – die Motive von existenzieller Einsamkeit, alttestamentarischen Gesetzen und unvermittelt ausbrechender Gewalt sind sowohl bei McCarthy als auch bei Sheridan nahezu identisch. Zumal Sheridan in Ben Richardson einen Kameramann gefunden hat, der die überwältigende Natur von Wyoming naturalistisch einfängt und sie gleichzeitig düster überhöht, ohne in Pathos zu verfallen, so wie auch der Schriftsteller McCarthy ein grandioser Landschaftsmaler ist.

Sicario war ein Drogenthriller, angesiedelt im Grenzgebiet zwischen Mexiko und Arizona; Hell or High Water inszenierte die ökonomische Aussichtslosigkeit im ländlichen Texas. Wind River, der, wie der Vorspann ausweist, auf einer wahren Begebenheit beruht, ist angesiedelt in der niederdrückenden Atmosphäre eines Indianerreservats. Dass der Film auch ein moralisches Anliegen hat, ist unbestreitbar; es tritt allerdings angesichts der immensen Spannung wohltuend in den Hintergrund. Es ist Cory Lambert (Jeremy Renner), der das tote achtzehnjährige Mädchen, das bereits im Eis festgefroren ist, auf einer seiner Touren entdeckt. Diese Tote (Kelsey Asbile) war die beste Freundin von Corys Tochter, die drei Jahre zuvor auf ähnliche Weise ums Leben gekommen war – aufgefunden irgendwo in der Weite der Landschaft, weit weg von jeder Siedlung, vor ihrem Tod vergewaltigt.

Es entbehrt nicht einer gewissen Pikanterie, dass Wind River, ein Film über mehrere Vergewaltigungen, von der Weinstein Company vertrieben wurde. Zwei Monate, nachdem Wind River in den USA in die Kinos kam, wurden jedoch die ersten Vorwürfe wegen sexuellen Missbrauchs gegen den Produzenten Harvey Weinstein publik. Der Regisseur Sheridan besprach sich mit den Geldgebern, Produzenten und Hauptdarstellern des Films und verhandelte daraufhin erneut mit der Weinstein Company. "Ich musste mir den Film zurückholen", sagt Sheridan. Vom sekundären Geschäft mit DVDs und Streamings trat die Weinstein Company nach den Vorwürfen und den Verhandlungen gänzlich zurück. Lionsgate und Netflix übernahmen. Lediglich der Kinovertrieb blieb bei der Weinstein Company. Allerdings gingen von diesem Zeitpunkt an die Vertriebserlöse für den Film an das National Indigenous Women’s Resource Center, das sich für die Aufklärung von Verbrechen an indianischen Frauen einsetzt – eine rasch ausgehandelte Geste des guten Willens.

Hilfe auf Stöckelschuhen

Lambert ist die klassische Figur des einsamen Jägers, des knurrigen, maulfaulen Naturburschen. Er arbeitet als Jäger und Fallensteller im Auftrag des Staates. Seine Ehe mit der Indianerin Wilma ist nach der Ermordung der Tochter in die Brüche gegangen; seinen neunjährigen Sohn sieht er regelmäßig, aber selten. Der Kommandant der Reservatspolizei (Graham Greene), ein illusionsloser Sarkastiker, bittet Cory um Hilfe bei der Aufklärung des Falls. So sitzen sie gemeinsam im Schneesturm in einer Hütte im Reservat und warten auf die Ankunft der versprochenen Unterstützung durch das FBI, die in Person der jungen Agentin Jane Banner (Elizabeth Olsen) tatsächlich auf Stöckelschuhen durch den Schnee wackelt.

Ein bisschen viel Stereotypen, ein bisschen viel Hardboiled-Einsamkeit, so könnte man meinen. Doch der Film entwickelt bereits nach kurzer Zeit einen Sog, dem man sich schwer entziehen kann. Begleitet vom hypnotischen Soundtrack von Warren Ellis und Nick Cave verdichten sich Bilder, Klänge und Natur zu einem unheimlichen Szenario, weiß in weiß, aus dem die Konturen sich nur bei genauer Betrachtung herausheben. Die Trauer der Eltern des ermordeten Indianermädchens verbindet sich mit der Gesamtstimmung, die im Reservat herrscht. Junge Menschen werden kriminell oder drogensüchtig, meistens jedoch beides. Die Kälte lässt die allgegenwärtige Apathie zu einem bedrückenden Daseinszustand gefrieren. Die Dialoge scheinen wie aus der Wut und der Traurigkeit herausgebrochen zu sein: "Der Schmerz wird nicht weniger, man gewöhnt sich nur daran", sagt Cory zu Martin, dem Vater des toten Mädchens. Kaum einer, dem man hier begegnet, wollte zu dem werden, der er geworden ist.

Elizabeth Olsen spielt die FBI-Agentin Jane Banner, die aus Florida angereist kommt. © Wild Bunch Germany

Der schweigsame Ranger und die unerfahrene Agentin schließen sich zwangsläufig zu einem Team zusammen. Es ist eine unfreiwillige Gemeinschaft, die doch irgendwie funktioniert. Die beiden lesen Spuren, trösten die Traurigen und verstehen sie doch nicht, sie finden einen weiteren Toten. Auch dieser Falle weicht Taylor Sheridan aus: Immer dann, wenn der Gedanke aufkommt, jetzt könnte die Kälte durch eine klebrige Zuckergussliebe im Schnee konterkariert werden, bricht die Szene dankenswerterweise ab. Es geht in Wind River – letztendlich – nicht in erster Linie darum, einen Fall zu klären, sondern darum, Menschen zu zeigen, die an einem Ort ihr Leben bestreiten müssen, der nicht der ihre ist. Bis heute, so wurde es dem Regisseur während der Dreharbeiten erklärt, existiert in den USA keine Statistik über Frauen, die aus oder in Reservaten verschwunden sind. Doch Wind River reicht über diesen Fakt, der selbstverständlich ein Skandal ist, weit hinaus. Es ist ein Film, in dem es keinen Trost gibt, nicht auf dieser Welt, nicht von dieser Welt.