ZEIT ONLINE: Herr Hübner, Sie sind aufgewachsen im ländlichen Mecklenburg-Vorpommern, das nicht unbedingt für seine linke Subkultur bekannt ist. Warum widmen Sie sich in Ihrem ersten langen Dokumentarfilm Wildes Herz ausgerechnet einer Punkband aus der Kleinstadt Jarmen in Vorpommern?

Charly Hübner: Als ich gefragt wurde, ob ich ein langes Stück fürs Kino machen will, hatte ich gerade durch Zufall Jan Gorkow, den Frontsänger der Band Feine Sahne Fischfilet, kennengelernt. Mir fehlte auf der Kinoleinwand eine Figur wie er. Das war intuitive Faszination.

ZEIT ONLINE: Was hat Sie so an dem Punksänger Jan "Monchi" Gorkow fasziniert?

Hübner: Mich hat seine Klarheit, Authentizität und Angreifbarkeit begeistert. Da ist jemand, der aus nichts einen Hehl macht, sondern einfach so ist, wie er ist. Einer, der zu seinen Fehlern steht. Zugleich tat sich hinter Jan Gorkow so viel Background auf, dass es immer interessanter wurde, dem nachzugehen.

ZEIT ONLINE: Gorkow war als Fußballrowdy unterwegs und wurde später vom Verfassungsschutz beobachtet, denn die Behörde hielt seine Band bis 2015 für linksextrem. Was soll daran typisch für Mecklenburg-Vorpommern sein?

Hübner: Erst mal gar nichts, was mit dem Land zu tun hat. Mich interessierte die Ambivalenz. Jan kommt aus einem bürgerlich-protestantischen Elternhaus, was zu DDR-Zeiten eine Form von Opposition war. Der Vater Bauunternehmer, die Mutter Zahnärztin, vier Kinder. Zugleich wuchs er auf umgeben von einer rechten Neonaziwelt. Daneben eine gelähmte Antifaszene, die schon fast nicht mehr existierte.

ZEIT ONLINE: Sie sind selbst auch ein Dorfkind aus Mecklenburg-Vorpommern. Haben Sie sich im rebellischen Monchi wiedererkannt?

Hübner: Erst mal gar nicht. Was mich aber mit ihm verkoppelt hat, war sein Albumtitel Bleiben oder gehen?. Ich selbst war nach meinem Abitur in Neustrelitz sehr müde von meiner Umgebung, ich hatte keine Lust mehr auf die Neonaziszene um mich herum und bin nach Berlin gegangen. Es war für mich nie eine Option, in Neustrelitz zu bleiben. Deshalb war es so spannend für mich, dass Jan ganz klar gesagt hat: Er geht da nicht weg. Ich wollte wissen, wie sich dieses Bleiben anfühlt.