Der letzte Magdeburger Polizeiruf liegt mehr als ein Jahr zurück, sodass man sich angesichts der neuen Folge Starke Schultern (MDR-Redaktion: Wolfgang Voigt, Melanie Brozeit) erst einmal erinnern muss, dass es ihn überhaupt gibt. Oder wie die Figur von Matthias Matschke im Film heißt (Dirk Köhler), die hier zum dritten Mal im Einsatz ist.

Dass nur eine Folge aus Magdeburg pro Jahr produziert wird, ist zunächst ein produktionsökonomisches Problem. Allerdings tun die einzelnen Filme auch wenig dafür, lange in Erinnerung zu bleiben. Schon der Titel (worauf bezieht der sich?) ist zum Vergessen gemacht. Spaßvögel könnten sogar behaupten, dass man am Ende des Films schon nicht mehr weiß, wonach am Anfang überhaupt gesucht wurde in Starke Schultern (Drehbuch: Josef Rusnak, nach einer Idee von Stefan Rogall).

Los geht's mit einer Brandstiftung im Hause des arroganten Unternehmers Ottmann (Thomas Loibl), die dieser überlebt. Nach dem Mord, ohne den normalerweise kein ARD-Sonntagabendkrimi auskommt, muss man in Starke Schultern lange suchen – was kein Problem wäre, wenn sich die Ermittlungen nach dem Feuerteufel nur spannender gestalteten. Die wirken aber in etwa so egal, wie es Ottmann selbst kaltlässt, dass ihm jemand ans Leder wollte.

Wenig wird arg gestreckt

So klappern Doreen Brasch (Claudia Michelsen) und Dixie Köhler ein paar Verdächtige ab. Die tatsächlich relevanten Informationen kommen aber en passant rein: Wenn etwa Brasch im zufälligen Telefongespräch mit ihrem Chef Lemp (Felix Vörtler) erfährt, dass Nachbarn einen grünen Polo vom Hause Ottmann haben davondüsen sehen. 

Dabei wären diese Nachbarn doch Material, aus dem sich eine schöne Erzählung über Ermittlungsarbeit basteln ließe. In Starke Schultern wird mit solchem Stoff jedoch eh hausgehalten: Am Ende, wenn der Verdacht endlich auf die total verdächtige Schwagerfamilie von Ottmann gefallen ist, fühlt man sich bei diesem Polizeiruf ein wenig wie vor einer Suppe aus dem Rübenwinter 1916: Wenig wird arg gestreckt.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE nun in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Beispielhaft für die erzählerische Grobschlächtigkeit ist der Mord, der spät im Fall auftaucht. Brasch sieht am Computer alte Berichte über den Überfall aufs Juweliergeschäft der Schwagerfamilie (Sebastian Rudolph und Ursina Lardi mit Bruno Alexander als Sohn) durch und stößt dabei auf Scans von blutigen Tüchern. Die deutet sie zum Mord aus, rennt damit zum Pathologen (Niels Bormann), der drei Altfälle anklickt und die Leiche gefunden hat, um die es geht: einen Mann, der beim Überfall vom Juwelier erschossen wurde.

Kann man offenbar so machen, wie Starke Schultern ja tapfer belegt. Man könnte aus so einer Suche freilich auch eine kriminalistische Schnitzeljagd machen, die das Publikum zum Mietfiebern zwingt.

Dass der Fall auf niedrigster Flamme kocht, ließe sich am ehesten damit entschuldigen, dass es der Film auf die Ermittlerinnenpsychologisierung abgesehen hat. Dazu wird der Mediator Niklas Wilke (Steven Scharf) eingebaut, der eine Supervision für Köhler und Brasch veranstaltet, um Kommunikationsprobleme im Team zu lösen. Das bringt was, insofern Matschke seiner Köhler-Figur hübsche Momente im Spiel entlocken kann: das Aufgeregte, Rumdrucksende, Unsichere macht mehr her als das Abgefrage fallrelevanter Informationen.

Brasch wird dagegen einmal als borderlinender Charakter eskaliert, wobei man für den Grund tief in der Erinnerung kramen müsste (irgendwas mit dem Sohn). Sie trinkt nachts in Bars, gibt aber nur bei Wodkagenuss die Schlüssel vom Motorrad an den Barkeeper ab (nach einem Bier wird noch gefahren). Ist dann aber doch irgendwie die Ansprechpartnerin von Chef Lemp, der vor einer tückischen Krankenhausuntersuchung um ihre Begleitung bittet.

Als Dreingabe gibt es den Fetisch von Unternehmer-Ottmann, der die Schwester seiner vor Jahren umgekommenen Frau dazu zwingt, als diese verkleidet bei ihm aufzulaufen, um mit ihm Sex zu haben. Das Absurdeste ist dann fast die Auflösung, weil die gesamte Schwagerfamilie samt Ottmann abgeführt wird und eigentlich jeder etwas begangen hat: Ottmann einen versuchten Mord an der Schwägerin (die er, warum auch immer, erwürgen wollte), die Schwägerin die Brandstiftung, ihr Mann, der Juwelier, den Schuss in den Rücken des Räubers. Und der Sohn der beiden fuchtelt mit einer Waffe rum – immerhin um seiner Mutter das Leben zu retten.

So ist selbst das Ende unbefriedigend, weil die Lage so unübersichtlich. Am meisten Freude macht dieser Polizeiruf (Regie: Maris Pfeiffer) vermutlich dann, wenn man die vorfahrenden Autos zählt und mit den Malen multipliziert, die Brasch, das rechte Bein schwingend, beim Absteigen vom Motorrad gezeigt wird. So lässt's sich einschlafen.