ZEIT ONLINE: Ihr Film Florida Project erzählt von Familien, die in Billighotels vor den Toren von Disneyland leben. Wie sind diese Menschen an den Rand der Obdachlosigkeit geraten?

Sean Baker: Es gibt eine Vielzahl von Ursachen, warum Menschen sich keine feste Bleibe mehr leisten können und in solchen Billighotels Quartier beziehen müssen: Manche machen eine schwere private Lebensphase durch, andere wurden aus ihrer Wohnung geworfen, weil sie die Miete nicht mehr aufbringen konnten. Einige haben durch Naturkatastrophen wie vor Jahren in New Orleans ihr Zuhause verloren oder haben einen faulen Kredit für ihr Haus aufgenommen. Psychische Erkrankungen, Drogenabhängigkeit oder Vorstrafen können ebenfalls dazu führen, dass man kein regelmäßiges Einkommen aufbringen kann und sich finanziell von einer Woche zur nächsten hangeln muss.

ZEIT ONLINE: Ist das ein landesweites Problem in den USA oder auf diese Gegend in Florida beschränkt?

Baker: Billighotels waren in der Geschichte der USA immer der letzte Zufluchtsort in Krisensituationen, bevor die Betroffenen auf der Straße landeten. In dieser Gegend von Florida waren die Folgen der Bankenkrise von 2008 besonders stark. Hinzu kommt, dass viele in diese Gegend gezogen sind in der Hoffnung auf einen Job im Umfeld von Disneyland oder einfach nur wegen des besseren Wetters, was für Menschen am Rande der Obdachlosigkeit auch ein wichtiger Faktor ist. Diese Hotels rund um den Vergnügungspark wurden ursprünglich für Touristen errichtet, die dann im Zuge der Rezession mehr und mehr ausblieben. Genau wie ihre Bewohner kämpfen auch diese Hotels um ihre Existenz.

ZEIT ONLINE: Warum haben Sie sich dazu entschieden, von dieser Welt aus der Kinderperspektive zu erzählen?

Sean Baker (geb. 1971 in New Jersey) studierte an der New York University Filmwissenschaft und legte 2000 mit "Four Letter Words" sein Debüt vor. Sein Film "Tangerine L.A." über eine Transgender-Prostituierte in L.A. wurde komplett auf einem iPhone gedreht. Sein jüngster Film "Florida Project" wurde 2017 in Cannes in der renommierten Reihe "Quinzaine des Réalisateurs" gezeigt. Willem Dafoe erhielt für seine Rolle als Hotelmanager eine Oscarnominierung als Bester Nebendarsteller. © Amanda Edwards/Getty Images

Baker: Die Kinder wachsen hier in ärmlichen Verhältnissen auf, direkt vor den Toren von Disneyland, das als das ultimative Kinderparadies gilt. Diese sehr traurige Ironie wollte ich zeigen. Darüber hinaus ist es interessant zu sehen, wie sich die Kinder den widrigen Umständen besser anpassen als die Erwachsenen. Sie sind noch nicht von den sozialen Verhältnissen infiziert, aber sie werden sich im Verlauf des Filmes allmählich ihrer Situation bewusst.

ZEIT ONLINE: Das Leben an der Armutsgrenze wird im Kino normalerweise eher in Form von Sozialdramen verhandelt, welche die Betroffenen oft zu Opfern stigmatisieren. Ihr Film scheint eine andere Herangehensweise zu suchen.

Baker: Solche Stigmatisierungen sind mir als Filmemacher vollkommen fremd. Wenn man seine Figur auf die Opferrolle festlegt, erkennt man in ihr nur noch den Märtyrer und nicht mehr den Menschen. Dadurch geht das Mitgefühl verloren und die unterbewusste Verbindung zwischen Publikum und Figur wird getrennt. Mein Ziel ist es, dass das Publikum über die echten Menschen, die hinter meinen Figuren stehen, nachdenkt. Im Film tut Halley (Bria Vinaite) als Mutter sicherlich einige Dinge, die gefährlich für sie und ihr Kind sind, aber sie befindet sich durch ihre schwierige ökonomische Situation in einem Überlebensmodus, in dem man nicht immer die richtige, moralisch korrekte Entscheidung trifft. Diese Fehler, ihre rebellische Natur, ihre freche Schnauze - all das macht die Figur menschlicher und damit auch zugänglicher.

ZEIT ONLINE: Wie schwer ist es in dieser Lebenssituation verlässliche Freundschaften aufzubauen?

Baker: Wie in jeder abgeschlossenen Gemeinschaft gibt es auch hier einen gewissen Sinn für Loyalität. Aber diese Loyalität ist eine sehr fragile Angelegenheit. Wenn man ums finanzielle Überleben kämpft, ist man immer kurz davor, nur noch nach dem eigenen Vorteil zu handeln. Die Menschen dort helfen einander, passen gegenseitig auf ihre Kinder auf und wohnen in sehr enger Nachbarschaft zueinander. Halley wird von ihrer Freundin Ashley sehr unterstützt, aber in dem Moment, in dem sie und ihre Tochter in Gefahr geraten, geht diese ungeheuer wichtige Freundschaft zu Bruch. Das kann man oft in dieser Gemeinschaft beobachten.