Die Hybris des kriminellen Genies besteht im Glauben, es könne den Zufall besiegen. In der Vorstellung, alles menschliche Verhalten ließe sich ausrechnen und vorhersehen. Sergio Marquina (Álvaro Morte) ist so ein Genie. Er trägt altväterliche Hemden, eine Frisur aus den Achtzigerjahren, fährt einen antiken Seat und er hat den perfekten Plan für das perfekte Verbrechen: Eine Gruppe aus Dieben, Killern und Hackern soll in die spanische Notendruckerei eindringen, etliche Geiseln nehmen und so lange Geld drucken, bis zwei Milliarden Euro beisammen sind. Der größte Bankraub der Weltgeschichte! Mitten im Haus des Geldes, das dieser spanischen Thrillerserie ihren Titel gibt. 

Seit einigen Tagen ist nun ihre zweite Staffel auf Netflix abrufbar. Die vorigen acht Folgen gingen Ende Dezember 2017 überraschenderweise unter, im Chaos der oft sehr verwechselbaren Neuerscheinungen, dem man mittlerweile auf der Website begegnet. Das ist ein wenig bedauerlich: Álex Pinas Serie ist sehenswert überdreht, was vor allem an den Ganoven liegt, mit denen man es zu tun bekommt. Es gibt Denver, einen Rowdy von musicalartig überzeichneter Dumpfheit, den kindlichen Hacker Rio, die Stiernacken fürs Grobe namens Helsinki und Oslo, die schwatzhafte Nairobi, den gutmütigen Tresorexperten Moskau, den dämonisch eloquenten Widerling Berlin und die Auftragsmörderin Tokio, die mit zielloser Raserei durchs Leben tobt, während Sergio von außen all ihre Geschicke steuert.

Hier wird gleich das spanische Finanzsystem bestohlen

Haus des Geldes gehört in die Reihe der Heist-Geschichten, also zu den Panzerknackererzählungen, die im Wesentlichen davon leben, dass der Zuschauer die kriminellen Zaubertricks bestaunt und sich fragt: Na, schaffen sie's oder schaffen sie's nicht? Álex Pina gelingt es dabei, viele der klassischen Elemente des Genres neu zu kombinieren und einigen anderen eine kleine Hommage zu bereiten; üblicherweise muss das Opfer des Raubes von Beginn an moralisch diskreditiert werden, damit die Sympathie des Zuschauers allein den Räubern gilt. In der berühmten Oceans-Eleven-Reihe etwa sind die Beraubten stets schmierige Chargen, die von charmanten Meisterdieben hinters Licht geführt werden. In Haus des Geldes wird keine Person bestohlen, sondern gleich das ganze spanische Finanzsystem, das der Drahtzieher Sergio für verdorben hält und auf keinen Fall einbruchssicher. Es sei besser, sagt er in einer Folge, man gäbe Geld direkt an die Volkswirtschaft zurück, anstatt dass damit irgendwelche Banken virtuell gerettet würden. 

Das sind Überlegungen, die diese Serie nebenbei hinbreitet, aber sie sind bloße Dreingabe, vielleicht, damit man sich nicht völlig gegenwartsunkritisch mitreißen lässt von den ausgezeichnet choreografierten Schießereien, den amourösen Verwicklungen und zahlreichen Täuschungen, mit denen Sergio Marquina die Ermittlungen der Polizei hintertreibt, vor allem die Arbeit der unentwegt überspannten Inspektorin Rachel Murillo (Itziar Ituño). Und ähnlich wie seine Hauptfigur hat der Drehbuchautor Pina seinen Plot bis ins Kleinste ausgeklügelt und ihn in vielen Folgen zu einem fiebrigen Kammerspiel verdichtet, das vor allem aus den Binnenspannungen zwischen den Figuren seinen Reiz gewinnt.   

Anziehung, Misstrauen, Verzweiflung und Manipulation

Auf den ersten Blick mag er zwar sein Personal anhand der Genreüblichkeiten aufgestellt haben, aber fast jeder Charakter überschreitet nach und nach die Grenzen seines eigenen Klischees, während allmählich die Wände der Bank immer näher zu kommen scheinen und die Decken sich immer weiter wie ein Sargdeckel auf die Meistereinbrecher herabsenken. Dass die letzte unberechenbare und damit ungeheuerlichste Begebenheit dann die Liebe ist, mag der profanste Einfall von allen sein, doch er führt in beiden Staffeln zu Szenen zwischen Álvaro Morte und Itziar Ituño, in denen das Verbrechergenie und die Kommissarin gegeneinander spielen, voller Anziehung, Misstrauen, Verzweiflung und Manipulation. Diese Momente gehören zu den stärksten der Serie, ebenso jene, die den todessüchtigen Berlin ins Bild rücken, der innerhalb der Bande bald sein eigenes Schreckensregime errichtet.

Alle sind Eingesperrte, nicht nur die Bankangestellten sind die Geiseln der Räuber, auch die Diebe und Polizisten sind Geiseln ihrer Träume und Gespinste, ihrer Schwächen, ihrer Vergangenheit, ihres hinfälligen Lebens, ihrer Vorstellungen von Gut und Böse, die bald erheblich schwanken. Das ist im Ganzen manchmal ein wenig sentimental, ein wenig cartoonesk und bisweilen von telenovelahafter Dramatik. Aber eben alles mit gutem Gespür für Timing und Spektakel, sodass die Serie gar nicht mit ihren kapitalismuskritischen Volten hätte aufgedonnert werden müssen, um einen 15 Folgen lang außer Atem zu bringen.

Beide Staffeln von "Haus des Geldes" sind auf Netflix abrufbar.