Mit ihrem Kopftuch rennt Layla als Linienrichterin am Fußballfeld entlang. Energisch wirkt sie und leidenschaftlich, als sie Einspruch erhebt gegen eine Entscheidung des Schiedsrichters. Dass der auf Abseits urteilte, will ihr nicht in den Kopf, und das macht sie auch deutlich. "Wieso gibt es immer Ärger mit euch?" Die Frage des Schiedsrichters ist rhetorisch gemeint, löst jedoch bei Layla sogleich große Wut aus. Immer Ärger mit euch? Das ist genau die Art von Pauschalisierung, die Layla hasst. In Amsterdam in eine marokkanische Familie hineingeboren, reagiert die junge Frau hochsensibel auf jede noch so geringe Ungerechtigkeit.

Diese Diskriminierungserfahrung stellt Mijke de Jong an den Anfang ihres neunten Spielfilms Layla M. Die niederländische Regisseurin will damit zum Teil jenen Entwicklungsweg begründen, der ihre Protagonistin im Laufe der Handlung vom Fundamentalismus zum Islamismus führt. Stärker in den Vordergrund rücken im Verlauf der Handlung jedoch Laylas Konflikte mit ihrer gut integrierten Familie. Der Vater führt einen Laden für Keramik, die Mutter trägt kein Kopftuch. Der Bruder konstatiert, dass sein Islam – anders als der von Layla – nicht politisch sei, und Laylas Schwester raucht öffentlich. Gegen diesen Liberalismus stemmt sich Layla mit der ganzen Wut und Kraft einer 18-Jährigen, die sich ihre Erwachsenen-Identität in Auseinandersetzungen ex negativo zu konstruieren sucht. In dieser Deutung ist der islamische Fundamentalismus, dem sich Layla anschließt, eigentlich eine Art Subkultur für vorwiegend junge Menschen wie sie, die einen religiösen Rahmen suchen für ihren radikalen Idealismus.

So demonstriert Layla in Nikab und Tschador bald mit Gleichgesinnten vor der Moschee – und brüskiert damit ihren Vater. Sie entwirft Flyer, empört sich über das Leid in Syrien, chattet mit "Leuten, die sich engagieren" – die vage Formulierung charakterisiert ihre tatsächliche Unkenntnis – und "spuckt auf die Demokratie".

Die Schauspielerin Nora El Koussour verleiht dieser Layla eine unbändige, fast schon beängstigende Dringlichkeit. Dabei ist diese junge Frau aus Mijke de Jongs Sicht eine verletzliche Heldin. Das mag auch sein. Weit interessanter als die Psychologisierung ist jedoch, dass Laylas selbstbewusstes Engagement für einen "reinen Islam" oder auch ihre Aktionen gegen Geert Wilders' Burka-Verbot so nur in einem westeuropäisch geprägten Gesellschaftsgefüge möglich sind. Es sind eben jene Niederlande, deren Verfasstheit Layla so verachtet, die ihr gestatten, weitgehend selbstbestimmt zu agieren und ihre Meinung frei zu äußern, solange sie nicht zur Gewalt aufruft.

Ja, diese zwar unbeherrschte, aber hochintelligente Layla könnte sogar Medizin studieren, doch in einem Anfall von Weltverachtung schmeißt sie das Abitur. Sie überwirft sich mit ihrer Familie, heiratet einen jungen Islamisten und geht mit ihm erst nach Belgien, wo geheime Terrorzellen im Wald den Ernstfall proben, und dann nach Jordanien. Hier ist dann Schluss mit der eigenen lauten Stimme und dem Traum, eine Kämpferin für "die richtige Sache" zu sein. Vielmehr wird Layla, die auf ihre Art durchaus eine Feministin ist, die Rolle der Dienerin des Ehemannes zugewiesen, dessen Ehre sie nicht beschmutzen darf durch Aufsässigkeit. Diese Herabsetzung als Frau ist für die letztlich doch auch westlich geprägte Layla kaum zu verkraften.

Gefragt, was sie motiviert habe, gerade diesen Film zu drehen, antwortet Mijke de Jong: In erster Linie Neugierde und Faszination – Religion und Aktivismus seien Themen, die ihr persönlich sehr am Herzen lägen. Seit langer Zeit habe sie mit der Idee gespielt, einen Film über eine junge Frau zu machen, die sich radikalisiert und sich dabei – zumindest in Teilen – außerhalb der Gesellschaft stellt.