Und der Tatort hat es natürlich auch nicht leicht. Er ist Diener vieler Zwecke, weswegen es ihn beständig zerreißt zwischen den verschiedenen Anforderungen, die an ihn gestellt werden. Sehr schön ist das zu sehen am Anfang der neuen Folge aus Franken.

In Ich töte niemand (BR-Redaktion: Stephanie Heckner) geht's nämlich ausgesprochen munter los mit einer Einweihungsparty bei Kommissar Felix Voss (Fabian Hinrichs). Während sich der ARD-Sonntagabendkrimi mit der Darstellung gerade von Vergnügen häufig schwertut (erinnert sei an das traurige Treiben in Magdeburg in Braschs Bar vor drei Wochen), gelingt hier etwas.

Wegen schneller Schnitte auf Details (Flaschen, die geöffnet werden; Zigaretten, die ausgedrückt werden), wegen der Fülle und Enge, durch die sich die Kamera bewegt (Dominik Kremerskothen), wegen der lustigen Dialogfetzen: "Seit wann bin ich eigentlich in Nürnberg?", fragt Voss. Oder erzählt Kollegin Ringelhahn (Dagmar Manzel) und Chef Kaiser (Stefan Merki), dass das seine erste Einweihungsparty sei. Und dazu singt Patti Smith "because the night belongs to lovers".

Dann kommt ein Anruf, die Ermittler stehen vor zwei Leichen und sind mit den Routinen beschäftigt: "Seit wann liegen die da?" – "Mach einfach weiter" – "Das Opfer heißt Ismael Elmahi". Auf das banale, aber schöne verbale Geplänkel auf der Feier folgt die Zuschauerinnen-Information, die die Assistenten, die immer schon viel mehr wissen, nur scheinbar den Kommissarinnen berichten.

Matthias Dell schreibt seit 2010 wöchentlich über "Tatort" und "Polizeiruf 110". Auf ZEIT ONLINE seit 2016 in der Kolumne "Der Obduktionsbericht". © Daniel Seiffert

Was nun aber das Tolle ist am vierten Nürnberger Tatort (Regie: Max Färberböck, Drehbuch: Färberböck mit Catharina Schuchmann): dass er es schafft, beide Sphären miteinander zu versöhnen, also die Pflicht der Ermittlungsstandards über weite Strecken so mit der Kür der Abschweifungen und des Geplänkels zu verbinden, dass daraus ein Film von eigener Qualität wird. So ist Ich töte niemand zum Beispiel der erste Fall des Franken-Tatort, der eine Vorstellung davon entwickelt, wie mit den spezifischen Fähigkeiten der beiden Hauptdarsteller umzugehen ist: mit Fabian Hinrichs' eigensinnigem, raumgreifendem Spiel und mit Dagmar Manzels Autorität, die trotzdem Eigenständigkeit behauptet.

Es wird viel ermittelt in Ich töte niemand, eigentlich die ganze Zeit. Die beiden Toten sind Geschwister, Ismael Elmahi und seine Schwester, Libyer, seit Jahren in Deutschland, "voll integriert". Ihr erwachsener Ziehsohn Ahmad (Josef Mohamed), sehr begabt, Uni-Karriere, ist verschwunden. Die Suche nach ihm ist eines der Momente, die Spannung versprechen.

Die Tätersuche taugt dafür nicht. Schnell wird klar, dass es sich um ein rassistisches Motiv gehandelt haben muss und die Tat eigentlich Ahmad gelten sollte, der einen Gewaltakt dreier Jugendlicher zur Anzeige und vor Gericht gebracht hatte. Für die mühselig Beladenen unter den Zuschauern, für die ein rassistischer Mord in der Regel kein Grund zur Empörung ist, wird die Tötung der Geschwister auf der Opferseite ausbalanciert: Ahmad begibt sich, angestachelt von einem radikalen Religiösen, auf einen Rachefeldzug, der die Dringlichkeit der Suche nach ihm erhöht.