Mario Adorf wird 80Der beste aller Schurken

Mario Adorf hat Unmenschen menschlich gemacht und Banditen eine Seele verliehen. Mit ihnen wurde er zum beliebtesten deutschen Schauspieler. Heute wird er 80. von Moritz Rinke

Die graue Eminenz des deutschen Films: Mario Adorf

Die graue Eminenz des deutschen Films: Mario Adorf  |  © Fabian Bimmer dpa

Seine abenteuerliche Geburt, fast in einem sizilianischen Bummelzug bei 45 Grad. Seine geheimnisvolle Herkunft und dieser kalabresische Vater von der italienischen Stiefelspitze. Das Mayener Waisenhaus in der Eifel, in dem der junge Mario mit Nonnen lebte. Die Bomben, denen er durch immer wieder wundersame Fügungen entkam. Die Nähmaschine der Mutter, die ihn im Krieg ernährte und von der sich Adorf bis heute nicht trennen kann. Die Nymphomanin, die ihm unter Wasser die Unschuld nahm, überhaupt die Frauen. Und natürlich die hohe Kunst: München, die Kammerspiele, der große Fritz Kortner. Dann die ersten Mörderrollen im Film. Danach Hollywood, die Western, weitere Schurken. Und Brigitte Bardot, Sean Connery, Claudia Cardinale. Zimmer an Zimmer mit Marlene Dietrich in einem Pariser Hotel. Direkt nach Moskau mitten in die kälteste Breschnew-Ära. Wodka, KGB, irre Russinnen. In Libyen im Gefängnis, weil er den König beleidigt hatte. Dann Billy Wilder, dann Neuer Deutscher Film: Die Blechtrommel mit Schlöndorff , mit dem Adorf auch den ersten deutschen Oscar mitgewann.

Vielleicht müsste man hier einmal stoppen. Das war ja jetzt schon 1979, da war ich schon geboren und hatte Mario Adorf im Fernsehen gesehen. Wie er Winnetous Schwester Nscho-Tschi ermordete! Das war in Winnetou I , und Mario Adorf spielte den Banditen Santer. Ich kann mich erinnern, dass ich ihn als Kind noch einmal in dem Robin-Hood-Film Der feurige Pfeil der Rache sah, da spielte er eigentlich einen Guten, der nur die Reichen ausraubte, trotzdem sah ich in Mario Adorf alles Schlechte der Menschheit: Dieser Mann hatte Nscho-Tschi, die Schwester des Apachenhäuptlings heimtückisch erschossen. Und dann in der berühmten Blechtrommel - Verfilmung die süße Brause-Maria so schlimm auf einem Sofa bestiegen, dass mein Vater mir die Hand vor die Augen hielt.

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Es ist eigentlich ein Wunder, dass dieser Mario Adorf zum beliebtesten Schauspieler Deutschlands wurde.

40 Jahre nach Winnetou habe ich Adorf kennengelernt, wir arbeiteten an der Rolle des Hagen von Tronje aus den Nibelungen , die ich neu schreiben und die er spielen sollte. Zuerst dachte ich, das ist ja klar: Wer Nscho-Tschi ermordet, der will hier natürlich auch den Hagen geben! Dann sah ich mir alte Filme an: Nachts, wenn der Teufel kam , Adorfs erster großer Film, in dem er den Massenmörder Bruno Lüdke spielte. Keine Bestie, kein Klischee eines Schurkenfilms, sondern Adorf ließ alles durchscheinen in diesem Lüdke: seine Trauer, sein Verlorensein in Nazi-Deutschland, seine Scham, seine Angst vor sich, manchmal sogar seinen Humor.

Adorf erzählte mir von einer Szene, die rausgeschnitten wurde: Lüdke hatte sich ein wenig in eine Frau verguckt, und die Zuschauer wussten noch nicht, ob er sie nun morden oder lieben wollte. Doch dann hörte er, dass sie von der SS abgeholt worden sei. Adorf hatte diese Szene offenbar sehr nachdenklich angelegt, fast erschüttert, auch um zu zeigen, dass die schwarze Nazi-Garde schneller und grausamer war als dieser arme Teufel. Und bei der Premiere in Duisburg 1957, wo Adorf erstmals als Filmstar gefeiert wurde, stand er auf und schrie den Regisseur an, wo denn die wichtigste Szene sei.

Diese Geschichte erzählt viel über den Schauspieler Adorf. Wie er Figuren verteidigt. Und wie er vor allem seine Mörder verteidigte: Fahrt zur Hölle, ihr Halunken , Vergeltung in Catano , besonders schön in Bomber und Paganini , als Adorf einen behinderten Kriminellen spielte – in all solchen Filmen sah man ihm die Empathie für seine Figuren an, er schien immer durchlässig für einen Schmerz hinter dem Töten. Vielleicht war Adorf darin auch zu sehr Theatermann, Kortner-Schüler, Kenner der großen Shakespeare-Stücke (Othello-Darsteller!), durch die man begreifen konnte, was das Menschliche alles umfassen kann.

Adorfs Liebe sowohl zum Theater als auch zum Film brachte ihn oft in große Nöte. Tagsüber Filme, abends Theater, was nicht immer planmäßig verlaufen konnte. Unvergessen, wie er tagsüber als Massenmörder Lüdke mit Handschellen vor dem Gericht saß, die Dreharbeiten sich mehr und mehr hinzogen und Adorf immer panischer wurde. Am Ende war der Requisiteur mit dem Schlüssel für die Handschellen nach Hause gegangen, und Adorf sprang einfach so ins Auto, um in den Kammerspielen einen französischen Offizier in dem Stück Die Affäre Dreyfus zu spielen. Polizeikontrolle! Der Schauspieler wird abgeführt. "Ich bin Mario Adorf!", ruft er verzweifelt. "Die Handschellen sind gar nicht echt! Ich komme vom Film, ich spiele gerade den Massenmörder Lüdke, heiße aber in Wirklichkeit Adorf, Mario Adorf, der Requisiteur ist mit dem Schlüssel …"

Es nützte alles nichts, gegen bayerische Polizisten war die Kunst machtlos.

Durch das ganze bunte Adorf-Leben ziehen sich solche Geschichten, und Adorf hat viele in seiner Doppelbegabung aufgeschrieben, in Himmel und Erde , auch in dem zärtlichen Buch über seine Mutter, sowie als Prosa-Autor in Der Mäusetöter & Der Fenstersturz und seinem neuesten, gerade erschienenen Geschichten-Band.

Leserkommentare
  1. Es tut mir ja leid, aber "Der beste aller Schurken" ist vor 19 Jahren gestorben und heißt Herr Kinski. Er war es und bleibt es.

    Trotzdem ein Herzliches Glückwünschen zum Geburtstag.

  2. das hat mich ehrlichgesagt mehr interessiert !

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