Mario Adorf wird 80 Der beste aller SchurkenSeite 3/3

Jeden Tag wollte einer der beiden abreisen, ich aber wollte unbedingt, dass meine Nibelungen herauskamen. Also spielte ich den konstruktiven Jago von Shakespeare. Erzählte Adorf jeden Tag in seiner Garderobe, wie Wedel in seinem Regiesessel von ihm, Adorf, schwärme, es nur nicht zugeben könne. Bei Wedel machte ich es genau anders herum: Adorf sei ganz angetan davon, wie er, Wedel, hier den Laden zusammenhalte, höchster Respekt, er könne es nur nicht so richtig zugeben.

Die Jago-Taktik rettete mir die Produktion. Das endgültige Ende des bilateralen Eiertanzes fand erst bei der Fernsehaufzeichnung statt. Da brüllte Adorf plötzlich "Sie Arschloch!“ vor etwa 200 Statisten, Schauspielern, ZDF-Leuten und halb Worms, Wedel brüllte zurück, dann wieder Adorf. Die beiden Männer waren wie eine Naturkatastrophe, und der Streit der Königinnen Brünhild und Kriemhild in meinem Nibelungen-Stück hätte nie eine bessere Besetzung finden können.

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Beide Männer werden sich in diesem Leben nichts mehr zu sagen haben, aber wer weiß? Wenn Jesus angeblich Sex mit Magdalena hatte und François Mitterrand ihr Nachkomme war, dann ist nach Adorf bei Menschen alles möglich.

Alt werden ist in der Film- und Theaterwelt eigentlich furchtbar. Auch für Männer. Vergessensein, Verbitterung, Wut auf die Neuen – Adorf hat dies nie wirklich erlebt. Vielleicht hat ihm neben seiner Beliebtheit auch immer seine Verwandlungskraft geholfen, so dass es eben nicht nur bei den Typen und festgelegten Charakteren blieb. Auf die einsilbigen Schurken folgten schnell die doppelgesichtigen, auf die Empathie für die armen Teufel folgte die Kunst der adorfhaften Verführung in Macht und Kriminalität durch Charme (Schade, dass sich Adorf und Berlusconi nicht wirklich ähnlich sehen, das könnte sonst noch eine große Rolle sein, Mussolini hat er ja schließlich auch schon gespielt). Und was auch immer mehr aufleuchtete: Adorfs Witz, sein Humor.

In Helmut Dietls Rossini -Film von 1996 spielte Adorf den Restaurantbesitzer Padrone Paolo Rossini, und wie er sich verliebte, wie ihm Krawatten abbrannten und wie er sich mit rasendem Herzen hingab, das war komisch und wundervoll. Als ich Adorf dann meinen Hagen auf den Leib schreiben wollte, stellte ich mir etwas von dieser Zärtlichkeit auch für die bisher immer einseitig, böse und dunkel gezeichnete Figur des Tronje vor. Ich wollte etwas von dieser Hingabe auch für den Staat der Burgunder. Und ich wollte eine absurde Komik im Untergang der Nibelungen. Ich stellte mir Adorf vor wie die Kapelle auf der sinkenden Titanic .

Adorfs großer Wunsch ist es, irgendwann einmal Karl Marx zu spielen. Ja, Mario Adorf als Karl Marx, das wäre eine Schlusskapelle auf der Höhe unserer Zeit. Heute ist dieser wundervolle Kapellmeister aller Töne auf der Titanic 80 Jahre alt geworden. Glückwunsch, tanti auguri und Chapeau bas, Signor Mario!

Nachtrag: Beim nochmaligen Ansehen von Winnetou I ist mir jetzt aufgefallen, dass man ja gar nicht erkennen kann, woher der Schuss kam. Dass Mario Adorf Nscho-Tschi erschoss, ist also nur eine Mutmaßung. Ich glaube, es war jemand anderes.

Erschienen im Tagesspiegel.

 
Leser-Kommentare
  1. Es tut mir ja leid, aber "Der beste aller Schurken" ist vor 19 Jahren gestorben und heißt Herr Kinski. Er war es und bleibt es.

    Trotzdem ein Herzliches Glückwünschen zum Geburtstag.

  2. das hat mich ehrlichgesagt mehr interessiert !

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